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Der andere Blick im Februar: Ein literarisches und künstlerisches Projekt über das Ruhrgebiet

Der andere Blick im Februar: Ein literarisches und künstlerisches Projekt über das Ruhrgebiet

Winter im Ruhrgebiet: Ein besonderes Erlebnis für eine kubanische Familie

Ein intensives Wintererlebnis in Deutschland ist für eine Familie wie meine, die ursprünglich aus dem tropischen Kuba stammt, besonders faszinierend. Dort ähneln die Winter eher einem milden europäischen Sommer, weshalb die Vorstellung eines kalten, schneereichen Winters für uns neu und spannend war. Bereits zu Beginn unseres Aufenthalts wurde uns jedoch erklärt, dass es im Ruhrgebiet aufgrund der geografischen Lage und der zahlreichen Flüsse unwahrscheinlich sei, einen Winter mit Schnee zu erleben. 

 

Mit dem Herannahen der kalten Jahreszeit stellte meine sechsjährige Tochter mir beinahe täglich die Frage, wann sie wohl zum ersten Mal Schnee sehen würde. Da ich selbst keine klare Antwort darauf wusste, wuchs unsere Unsicherheit, ob wir jemals in den Genuss eines weißen Winters kommen würden. Unsere Hoffnung schwand mit jedem schneelosen Tag – bis schließlich doch, völlig unerwartet, der Schnee kam. Und er kam nicht nur in kleinen Mengen, sondern bedeckte die Region in einer Intensität, wie sie seit zwanzig Jahren nicht mehr erlebt worden war.

 

Dieser außergewöhnliche Winter wurde zum Ausgangspunkt und zur Inspiration für eine Fotoserie, die sich dem Winter im Ruhrgebiet widmet. Dabei nutze ich sowohl Mikro- als auch Makrofotografie als Ausdrucksmittel, um meine Forschung im Rahmen des Projekts „Der andere Blick“ zu ergänzen. 

Einblicke in die winterliche Landschaft und urbane Besonderheiten

Die Fotoserie enthält Bilder, die Teil eines größeren Projekts über die vier Jahreszeiten im Ruhrgebiet werden sollen. Sie zeigt, wie Wälder, Städte, Flüsse und Naturlandschaften unter einer dichten Schneeschicht nahezu verwandelt erscheinen. Neben diesen großflächigen Landschaftsaufnahmen dokumentiere ich auch weniger sichtbare, aber dennoch zentrale Aspekte des Winters in der Stadt: Dazu zählen beispielsweise Salze und andere Materialien, die zum Schutz vor Glätte auf Straßen und Gehwegen ausgebracht werden, sowie das sogenannte „Glatteis“. Dieses Phänomen ist fast unsichtbar, aber für den Straßenverkehr im Winter gefährlich. 

 

In Deutschland ist der Umgang mit Enteisungsmitteln wie Streusalz streng geregelt, da ihr unkontrollierter Einsatz erhebliche Umweltprobleme verursachen kann. Dazu gehören Schäden an Bäumen und Pflanzen, die Verschmutzung des Grundwassers, Korrosionsschäden an Autos, Fahrrädern und Gehwegen sowie negative Auswirkungen auf Haustiere, insbesondere deren Pfoten und Haut. Das am häufigsten verwendete Material ist Natriumchlorid (NaCl), besser bekannt als Kochsalz. Es wird oft mit Sand oder Kies gemischt, um die Rutschfestigkeit zu erhöhen. Bei besonders niedrigen Temperaturen kommen auch Calcium- oder Magnesiumchloride zum Einsatz.  

Besonders fiel mir bei meinen Recherchen die gesetzliche Regulierung auf: In Deutschland ist aus Gründen des Umweltschutzes die Verwendung von Streusalz in vielen Städten eingeschränkt oder sogar verboten, vor allem auf Gehwegen, in Wohngebieten, Parks und Grünflächen. Erlaubt ist der gezielte Einsatz lediglich auf Hauptverkehrsstraßen, an gefährlichen Kreuzungen, auf Steigungen, Brücken und in anderen Risikobereichen sowie bei extremer Glätte.  

 

Eine weitere wichtige Winterpraxis ist die Verantwortung der Bürgerinnen und Bürger im Umgang mit Glätte. In Deutschland sind Haus- und Wohnungseigentümer oder Mieter in der Regel gesetzlich dazu verpflichtet, innerhalb festgelegter Zeiten den Schnee zu räumen und vor ihren Grundstücken Streumaterial auszubringen. Dadurch wird der Winter zu einer gemeinschaftlichen Erfahrung, bei der Natur, urbaner Raum und gesellschaftliches Engagement ineinandergreifen. 

Fraktale Ästhetik in der fotografischen Dokumentation von Enteisungsmaterialien

Die spezifischen Aspekte und verwendeten Materialien, die bei der Enteisung zum Einsatz kommen, bilden einen zentralen Bestandteil meiner fotografischen Dokumentation. Innerhalb der Fotoserie widme ich mich insbesondere den mikroskopischen Details jener Substanzen, die zur Bekämpfung der Schneeschmelze verwendet werden. Durch die Nahaufnahme werden Strukturen sichtbar, die im Alltag leicht übersehen werden, aber dennoch für die Sicherheit im öffentlichen Raum eine entscheidende Rolle spielen. 

 

Auffällig ist dabei die fraktale Form dieser Materialien: Ob Salz, Sand oder Kies – unter dem Mikroskop offenbaren sie komplexe und wiederkehrende Muster. Diese fraktale Ästhetik zieht sich konsequent durch die gesamte Bilderserie und schafft eine visuelle Verbindung zu meinen bisherigen Arbeiten im Bereich der fraktalen Kunst. So bleibt die charakteristische Optik meiner Studien erhalten und wird auf das Thema Winter und Enteisung im Ruhrgebiet übertragen.