Der andere Blick im November: Ein literarisches und künstlerisches Projekt über das Ruhrgebiet
Ein kubanischer Germanist und ein bildender Künstler begeben sich auf eine faszinierende Spurensuche durchs Ruhrgebiet
Ein Beitrag von Jesus Irsula: Tabakkultur als Brücke: Von Havanna bis Dortmund
Im Projekt Der andere Blick erzählt Jesus Irsula, kubanischer Germanist und Schreiber, vom Ruhrgebiet. Er hält seine Eindrücke, Geschichten und Erinnerungen aus einem einjährigen Aufenthalt in der Region schriftlich fest. Parallel arbeitet sein Sohn Arian Irsula, der als Künstler mit Pinsel und Kamera denselben Raum auf seine Weise einfängt. Gemeinsam reflektieren sie – mit Wort und Bild – einen doppelten Blick aufs Ruhrgebiet. Nun erzählt der kubanische Germanist eine inspirierende, von Tabakrauch durchzogene Geschichte.
Der Sohn berichtete seinem Vater von der geplanten Teilnahme an der internationalen Fachmesse InterTabac in Dortmund. Gemeinsam mit zwei weiteren kubanischen Künstlern wollte er dort ausstellen. Die Messe, die seit 1978 jährlich stattfindet, hat sich zur größten Tabakfachmesse der Welt entwickelt. Der Schreiber war sofort überzeugt, das Thema Tabakkultur in seine Erkundung des Ruhrgebiets einzubeziehen. Nach einem kurzen Gespräch stand fest: Er würde die Künstler nach Dortmund begleiten und zusammen mit dem Sohn die Tabakkultur als Brücke zwischen Havanna und dem Ruhrgebiet – in Wort und Bild – gestalten.
Arian Irsula sowie die kubanischen Künstler Andrey Quintana und Elmer Castillo bilden die Plattform Arthabanos – Art for Cigar Lovers. Auf ihrer Webseite zeigen sie Kunst, die von Zigarren und Tabakkultur inspiriert ist. Neben Gemälden gehören dazu auch Humidore, Skulpturen und Assemblagen aus tabakbezogenen Materialien. 2024 und 2025 präsentierte Arthabanos Ausstellungen beim Festival Internacional del Habano, dem renommierten Zigarrenfestival in Havanna. Nach Empfehlung deutscher Unternehmer, die dort teilnahmen, entschieden die Künstler, auch bei der InterTabac in Dortmund vertreten zu sein – organisiert auf eigene Faust.
Das Thema Tabak war dem Schreiber, obwohl Nichtraucher, keineswegs fremd. Als junger Student hatte er mehrere Wochen im Jahr auf den Tabakplantagen der Provinz Pinar del Río gearbeitet. Dort lernte er alle Schritte der Tabakernte kennen – von der Aussaat bis zu jenem Moment, wenn ein Mann, und heute ebenso eine Frau, eine Zigarre genießt. Auch er selbst greift bei besonderen Anlässen zu einer edlen Habano. Tabakkultur hat eine lange Geschichte. Nicht zufällig sagt man in Kuba, wenn jemand zu lange ausholt: „Er erzählt die Geschichte des Tabaks.“
Vor Kolumbus’ Ankunft 1492 rauchten die Taínos (Die Taíno, eine arawakische Volksgruppe aus der Karibik, lebten bei der Ankunft von Kolumbus 1492 auf Kuba und den umliegenden Inseln. Sie betrieben Ackerbau, verehrten ihre Ahnengeister und nutzten Tabak sowohl rituell als auch medizinisch. Mit der spanischen Eroberung wurden sie fast vollständig ausgelöscht, doch Spuren ihrer Kultur wirken bis heute in der Karibik fort.) bereits zusammengerollte Blätter, die sie tabaco nannten. Sie verwendeten auch Röhren- oder Pfeifenformen, schnupften oder kauten Tabak, der zugleich rituelle und religiöse Bedeutung hatte. Ursprünglich bezeichnete das Wort tabaco allerdings nicht die Pflanze selbst, sondern eine Y-förmige Pfeife der Taínos. Erst später wurde der Name auf die Pflanze übertragen. Im frühen 16. Jahrhundert brachten die Spanier Tabak nach Europa, von wo er sich über Portugal und Frankreich bald im ganzen Mittelmeerraum verbreitete. Schon im 17. Jahrhundert wurde Tabak weltweit angebaut – als mythisches „Geschenk aus der Neuen Welt“.
Nach Deutschland gelangte Tabak im 16. Jahrhundert über spanische und portugiesische Handelswege. Zunächst galt er als exotisches Heilmittel, von Ärzten und Apothekern gegen allerlei Beschwerden empfohlen. Doch bald verlagerte sich der Konsum ins Genusshafte. Söldner führten während des Dreißigjährigen Krieges das Pfeifenrauchen ein, und Hafenstädte wie Bremen und Hamburg entwickelten erste Tabakimporte und Manufakturen. Im 18. und 19. Jahrhundert wurde Tabak zum festen Bestandteil der Alltags- und Arbeiterkultur. Besonders geschätzt war dabei der kubanische Tabak, dessen Qualität Maßstäbe setzte.
Ein Beispiel für die enge deutsch-kubanische Verbindung liefert die Familie Upmann. Mitte des 19. Jahrhunderts wanderten die Brüder Hermann und August Upmann nach Havanna aus, gründeten zunächst eine Bank und bald darauf eine Zigarrenfabrik. Daraus entstand die bis heute weltberühmte Marke H. Upmann. Der Historiker Raúl Martell Álvarez hat dieser Familie eine Studie gewidmet: Fumando en La Habana. Los Upmann. Una familia alemano-cubana (Havanna 2016). Er schildert darin sechs Generationen deutsch-kubanischer Geschichte und zeigt, wie wirtschaftliche Unternehmung und kultureller Transfer untrennbar verbunden sind.
Bei Gesprächen mit Freunden im Ruhrgebiet stieß der Schreiber auch auf die Böninger Tabak Fabrik Duisburg. Ihre Geschichte ist eng mit dem Hafen Ruhrort verknüpft. Bereits im 17. Jahrhundert handelte die Familie Böninger mit Kolonialwaren, im 18. stieg sie in die Tabakverarbeitung ein. Über Amsterdam und Rotterdam gelangten Tabakblätter aus Übersee den Rhein hinauf nach Ruhrort. Dort wurden sie gelöscht, zwischengelagert und weiterverarbeitet. Böninger besaß eigene Schiffe und eine Niederlassung in Amsterdam – ein Beleg für die enge Verbindung von Binnen- und Seehandel. Im 19. und 20. Jahrhundert wuchs Ruhrort zum größten Binnenhafen Europas, während Böninger für die Tabakindustrie im Ruhrgebiet stand.
Besonders faszinierte den Schreiber die Nachricht, dass es in der Böninger-Fabrik auch die Tradition des Lector de tabaquería gab. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts lesen in den Zigarrenfabriken Havannas Vorleser den Arbeitern Zeitungen, Romane oder politische Texte vor. Die „Stimme des Vorlesers“ verbindet Bildung und Unterhaltung, schafft Gemeinschaft und weckt soziales Bewusstsein. Dass auch in Duisburg diese Tradition lebendig war, empfand der Schreiber als bewegendes Zeichen transatlantischer Verbindungen.
Heute konzentriert sich Kuba vor allem auf die Zigarrenproduktion. Die kubanischen Zigarren gelten weltweit als Maßstab höchster Qualität; der Name Habano ist längst zum Synonym für Reinheit und Eleganz geworden. Umso bedeutender ist daher ihre Präsenz auf der InterTabac in Dortmund. Der Name dieser Revierstadt ist in Kuba durch den Fußballclub Borussia Dortmund bekannt; es gibt sogar einen Fanclub. Aber warum findet die InterTabac gerade dort statt? Dortmund, mit über 600.000 Einwohnern eine der größten Ruhrgebietsstädte, war jahrzehntelang vom Bergbau und der Stahlindustrie geprägt. Seit den 1980er Jahren entwickelte es sich zu einem Zentrum für Dienstleistungen, Technologie und Kultur. Die Stadt selbst hat zwar keine Tabaktradition, doch seit dem Bau der Westfalenhallen 1925 verfügt sie über einen der traditionsreichsten Messe- und Veranstaltungsorte Deutschlands. Mit zentraler Lage und guter Verkehrsanbindung sind die Westfalenhallen prädestiniert, internationale Aussteller und Besucher zusammenzuführen.
Zwei Tage vor der Messeeröffnung trafen sich die kubanischen Künstler in der Garage der Schreibervilla im Mülheimer Uhlenhorst. Dort bereiteten sie letzte Arbeiten vor, rahmten Bilder und finalisierten ihr Ausstellungskonzept.
Am Eröffnungstag gelangte der kubanische Germanist zunächst ohne Akkreditierung zur Messe. Doch dank seiner Kontakte erhielt er schließlich über die deutsch-kubanische Firma 5th Avenue den offiziellen Zugang. Seit Jahrzehnten dolmetscht er auf dem Habanos Festival für deutsche Besucher und war enger Begleiter des kürzlich verstorbenen Heinrich Villiger (1930–2025). Villiger führte das 1888 gegründete Familienunternehmen Villiger zu einem globalen Hersteller von Zigarren und gründete 1989 mit Habanos S.A. die Firma 5th Avenue Products mit Sitz in Waldshut-Tiengen – bis heute exklusiver Importeur kubanischer Zigarren für Deutschland, Österreich und Polen. Villiger gilt als letzter großer „Zigarrenpatron“ Europas.
Während der InterTabac begleitete der Schreiber die Künstler von Arthabanos an ihrem Stand in Halle 8. Mehr als 800 Aussteller aus fast 70 Ländern präsentierten sich in Dortmund. Das Angebot reicht längst über klassische Tabakwaren hinaus: E-Zigaretten, Heat-not-Burn-Produkte oder Nikotinbeutel gehören heute ebenso dazu. Die kubanischen Künstler verknüpften ihre Kunst bewusst mit dieser internationalen Bühne – als kulturelles Statement.
Der Stand von Arthabanos war mit Werken der drei beteiligten Künstler gestaltet. Elmer Castillo präsentierte Porträts berühmter Persönlichkeiten und leidenschaftlicher Zigarrenliebhaber, die er stets mit einer Zigarre in Szene setzte. Seine gemalten Bilder waren mit einem speziellen Harz überzogen, was ihnen eine besondere Tiefe und Leuchtkraft verlieh. Unter den Dargestellten fanden sich Heinrich Villiger, Winston Churchill und Celia Cruz.
Auch Andrey Quintana zeigte Porträts weltbekannter Figuren, die für ihre Vorliebe für Zigarren bekannt sind. Er arbeitet mit farbgefüllten Patronenhülsen, die er als Malwerkzeuge einsetzt – ein künstlerischer Appell für den Frieden und gegen den Krieg. Zu seinen dargestellten Persönlichkeiten gehörten unter anderem Che Guevara und Ernest Hemingway.
Arian Irsulas Mundo Habanos lädt dazu ein, in die symbolische wie visuelle Fülle des Universums der Habano einzutauchen. Durch Mikro- und Makrofotografie entfaltet jede Arbeit eine sinnliche Reise, die sowohl die verborgene Schönheit des Winzigen als auch die Weite des Unermesslichen offenbart.
Die fünf essenziellen Blätter, die einer Zigarre Leben verleihen, erscheinen in unterschiedlichen Detailstufen – als intime Porträts einer geheimen Natur. In manchen Arbeiten verwandelt sich die Asche, unter dem Mikroskop betrachtet, in unerwartete Landschaften: feine Konstellationen aus Formen und Texturen, unsichtbar für das bloße Auge.
Andere Kompositionen öffnen imaginäre Welten – Planeten und Kontinente, erschaffen aus Collagen von Tabakblättern. Inspiriert von fraktaler Mathematik spiegelt sich in der Struktur des Tabaks selbst das Unendliche wider. Die chromatische Spannweite, von den hellsten bis zu den dunkelsten Tönen, erschafft ein visuelles Universum, das Vielfalt, Komplexität und eine poetische Idee von Ganzheit atmet.
Am Stand wurden Besucher mit Zigarren und kubanischem Rum empfangen. Auch Vertreter lokaler Zigarren-Szenen waren dabei: die Cigar Lounge Dortmund, die Cigar Lounge Bochum, das House of Cigars Duisburg oder Tabak Budde in Mülheim. Diese Orte verbinden den geselligen Ruhrgebietsgeist mit dem Genussrauchen – ob im Club, beim Schützenfest oder nach einem Fußballspiel.
Unter den Gästen fanden sich auch die kubanische Botschafterin in Deutschland, Juana Martínez González, sowie die Wirtschafts- und Handelsrätin Anamary Suárez Quiñones eskortiert von Omar Hernandez Fuente, Comercial Manager von 5th Avenue Products. Damit war die kubanische Familie auf der InterTabac vollständig vertreten. Wir können sagen; Kuba war auf InterTabac Dortmund 2025 präsent.








