Reflexionen eines Metropolenschreibers im September
Eine Beitragsreihe aus dem Herzen des Ruhrgebiets
Die Verteidigung unserer Welt
In den vergangenen Tagen musste ich viel darüber nachdenken, wie sehr ich die letzten Sommertage hier im Ruhrgebiet genieße. Die Leichtigkeit und Wärme dieser Zeit tun mir gut, egal, wo ich mich aufhalte, aber hier fällt mir besonders auf, wie viel unbeschwerter meine Gedanken sind, wie viel entspannter sich mein Körper anfühlt. Vielleicht hat es auch damit zu tun, dass ich mich nach elf Monaten langsam etwas angekommen fühle. Vielleicht damit, dass ich, während ich an einem neuen Buch arbeite, nur noch einmal am Tag die Nachrichten lese. Aber vielleicht auch nicht. Das Grün, das noch so wirkt, als würde es so etwas wie kalte Jahreszeiten nicht geben, steht der städtischen Landschaft der Region sehr gut. Auch die Menschen sind noch freundlicher, obwohl sie im Vergleich zu anderen Regionen des Landes ohnehin schon sehr freundlich sind.
Bei den Lesungen und Veranstaltungen, die ich im Ruhgebiet gegeben habe, ist mir immer wieder aufgefallen, wie viele beeindruckende Menschen hier leben. Wie viel soziale, zwischenmenschliche und politische Arbeit hier auch auf kleiner Ebene geleistet wird, um das Miteinander in der Region besser zu gestalten. Das soll nicht nach Sozialromantik klingen oder das häufige Versagen der Politik auf Bundes-, Land- und Kommunenebene relativieren, einer Politik, die sich zumindest in dieser Region oft wenig um die Menschen zu kümmern scheint. Denn nicht selten ist diese gemeinschaftliche sozialpolitische Arbeit auch mit großen Widerständen und Frustrationen verknüpft. Fast immer geht sie mit beträchtlichen persönlichen Opfern einher. Im Gegensatz zu deutlich weniger produktiven Arbeiten, etwa in der Finanzwelt, wird sie von uns als Gesellschaft nur gering entlohnt.
Das inspirierende Engagement von Menschen, die sich dieser wichtigen Arbeit trotz widriger Umstände verschreiben, fiel mir ganz besonders ins Auge, als ich für den Bochumer Verein Rosa Strippe e.V. eine Lesung gab. Im Bochumer Kunstmuseum hatte die Mitarbeitenden ein großes Publikum zusammengetrommelt, um über queere Belange zu sprechen. Ich las aus meinen Büchern „Zuhause“ und „Allein“ und sprach mit den Anwesenden über meine Erfahrungen als queeres Kind in der DDR und Themen wie queere Scham. Über kurz oder lang kam das Gespräch dabei auf jene Fragen, die queere Menschen derzeit überall bewegen. Seit einigen Jahren erweisen sich die konzertierten Versuche rechtsextremer und radikalkonservativer Personen, das Rad der Zeit zurückzudrehen und die Rechte queerer Menschen einzuschränken, als immer erfolgreicher. Das ist nicht nur an der erschreckenden Explosion von Hassverbrechen und anderer Gewalt gegenüber Lesben, Schwulen und Transpersonen zu erkennen. Diese Entwicklung bestimmt auch immer mehr den Alltag und sorgt für eine sinkende Selbstverständlichkeit, mit der man sich durch Stadt und Land bewegt. Mich persönlich erinnert die heutige Zeit immer mehr an die gewalttätigen Neunzigerjahre mit ihrer marodierenden, prügelnden und brandstiftenden Neonazibanden.
Ich bin der festen Überzeugung, dass wir für unsere Rechte kämpfen müssen, da sie uns ansonsten in jedem Fall wieder weggenommen werden. Inzwischen bringen sogar große deutsche Wochenzeitungen Schwerpunkte darüber, dass unter anderem der Einsatz für queere Menschen zum Erstarken des Rechtsextremismus geführt habe. Implizit ist dabei die Botschaft, dass dieser Einsatz doch zurückzuschrauben sei. Es wäre zudem eine Illusion, zu glauben, dass es einfach werden würde, die verlorenen Rechte wieder zurückzuerlangen. Geschichte funktioniert nicht so. Die Entmenschlichung bestimmter Menschengruppen ist ein schleichender und langfristig äußerst effektiver Prozess. Mir fällt diesbezüglich immer wieder ein, wie lange es nach der Offenheit und der Blüte queerer Kultur in den 1920er Jahren gedauert hat, bis wir als Gesellschaft auch nur annähernd wieder so weit waren wie damals. Ganze siebzig bis achtzig Jahre.
Für seine Rechte zu kämpfen kann viele Facetten haben. Eine dieser Facetten zeigt sich in der sozialen Arbeit, die der Verein Rosa Strippe e.V. seit etwa vierzig Jahren macht. Die Mitarbeitenden bieten telefonische Gespräche und psychosoziale Beratung für einzelne Menschen, Paare und Gruppen an. Sie bieten Fortbildungen zum Thema geschlechtliche und soziale Vielfalt an und engagieren sich dafür auch auf regionaler und landesweiter Ebene. Sie arbeiten mit queeren Jugendlichen und mit queeren Senioren und helfen queeren Geflüchteten bei der Bewältigung behördlicher Herausforderungen. Sie unterstützen durch Workshops die Demokratiebildung in Schulen der Region, setzen sich für queere Menschen auf dem Land ein und unterstützen Regenbogenfamilien und deren Angehörige. Der Verein setzt damit eine Tradition fort, die im Ruhrgebiet schon lange besteht. So wurde in Bochum schon 1970 – ein Jahr, nachdem in der Bundesrepublik Homosexualität für Menschen über 21 Jahren entkriminalisiert wurde und damit nicht mehr der Strafverfolgung unterlag – die HAG Bochum gegründet, die erste homosexuelle Aktionsgruppe des Landes. Wenn man sich die Strategiepapiere, Demonstrationsaufrufe und Infobroschüren dieser von Studierenden gegründeten Gruppe anschaut, ist man unweigerlich vom Mut beeindruckt, den einige Menschen aufbrachten, um eine Gesellschaft zu verändern, die Menschen wie sie 30 Jahre zuvor noch in Konzentrationslagern ermordete und noch ein Jahr zuvor ins Gefängnis steckte. Es wird geschätzt, dass bis zu 15.000 queere Menschen in Konzentrationslager verschleppt wurden, wo über die Hälfte von ihnen ermordet wurde. Bis 1969 gab es in der BRD 100.000 Ermittlungsverfahren gegen schwule Männer, etwa 50.000 von ihnen wurden ihrer Sexualität wegen verurteilt. Erst 2002 wurden die homosexuellen Ofer des Nationalsozialismus vom Bundestag rehabilitiert, erst 2017 wurde die Rehabilitierung der Opfer der bundesrepublikanischen Strafverfolgung beschlossen.
Was bei der Lektüre jener historischen Dokumente auch ins Auge fällt, ist der Umstand, wie schwer es war, eine Sprache für queere Lebensrealitäten zu finden. Es war so gut wie unmöglich, an die lebendigen queeren Diskurse und Lebenswelten der 1920er Jahre anzuschließen. Die zurückliegenden 50 Jahre hatten sie komplett ausgemerzt. Sie mussten wieder neu erfunden werden. Von dieser Arbeit, eine soziale und politische Sprache für die Belange ausgegrenzter Menschen zu finden, leben wir noch heute. Meistens, ohne auch nur eine Ahnung davon zu haben, wo ihre Anfänge lagen.
Es fällt mir schwer, in Worte zu fassen, wie viel Dankbarkeit ich für Vereine wie Rosa Strippe e.V. oder die historische HAG Bochum empfinde. Dafür, wie viel unsichtbare Pionierarbeit sie leisten und geleistet haben. Dafür, wie grundlegend sie das Leben für uns alle, egal ob queer oder heterosexuell, verbessert haben. Dafür, wie viel schöner die Welt durch ihre Arbeit geworden ist. Ich glaube, dass der Zeitpunkt gekommen ist, dass wir diese Welt mit allen uns zur Verfügung stehenden Mitteln verteidigen, dass wir uns darauf besinnen, was wir lieben, und dass wir beginnen, auch genau dafür zu kämpfen. Ob in der Leichtigkeit dieses Sommers oder im kommenden Herbst, im Winter, ob im Ruhrgebiet oder anderswo. Anders werden wir nicht bestehen können.
Über die Arbeit von Rosa Strippe e.V. kann man auf folgender Website mehr erfahren. Dort findet sich auch eine Möglichkeit, an den Verein zu spenden: https://rosastrippe.net
Zur Arbeit der HAG Bochum ist kürzlich das von Reinhard Schmidt herausgegebene Buch „Homosexuelle Aktionsgruppe Bochum. Beginn der homosexuellen Emanzipation im Jahr 1970“ erschienen.