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Reflexionen einer Metropolenschreiberin im Mai

Ewigkeitskosten

Ein Beitrag unserer Metropolenschreiberin Eva von Redecker

Zur Einstimmung auf das Ruhrgebiet schenkte mir eine Freundin einen Roman der Schweizer Schriftstellerin Dorthee Elminger. Einladung an die Waghalsigen heißt das Werk und es ist sofort eines meiner Lieblingsbücher geworden. Ich habe den Text bei meinen Streifzügen im Revier ständig im Kopf. Denn tatsächlich geht es bei Elminger um eine Landschaft in den Nachwehen des Kohlebergbaus. Eigentlich ist kaum noch Landschaft übrig vor lauter Nachwehen. Beschrieben ist eine Ödnis, in der nur vereinzelt Menschen leben, einige Polizisten und die Hauptfiguren, ein Geschwisterpaar, das gegen die Mutlosigkeit sowie eine Art Gedächtnisverlust ankämpft und auf eigene Faust die Gegend erkundet. Überall schwelen Brände. In den ehemaligen Kohlegruben wurde Müll verschüttet; nun geht dieser immer wieder in Flammen auf, weil sich ein unlöschbares Feuer unterirdisch durch die Flöze frisst. Die Jugendlichen, Margarete und Fritzi Stein, studieren Karten wie kleine Schatzsucherinnen, fragen sich durch, folgen der eigenen Eingebung. Was sie suchen ist ein Fluss. Es soll ihn hier mal gegeben haben, nun ist er verschwunden. Dabei könnte er Abhilfe schaffen: das Feuer löschen und die Gegend erquicken.

Im tatsächlichen Ruhrgebiet, so lernte ich vor Ort, besteht aber gerade das entgegengesetzte Probelm: zu viel Wasser. Nach einem Jahrhundert der Steinkohle-Entnahme ist vielerorts das Land abgesackt, stellenweise über 20m tief. Manchmal, besonders wenn ich durch eine Senke gehe, konzentriere ich mich auf meine Zehenspitzen. Ich bilde mir ein, man könnte das spüren, könnte dem Boden ablauschen, ob das seine gewohnte Lage ist, oder ob er genau hier zusammengesackte. Ich sollte wohl besser, wie Elmingers Protagonistinnen, Karten studieren. Denn tatsächlich ist die Suche nach einzelnen Senken verfehlt. Im sogenannten Langfrontbau wurde die Kohle in 250 bis 300 Meter langen unterirdischen „Streben“ abgebaut. Es sanken also ganze Flächen. Im Begleittext der Reliefkarte, die ich schließlich auftat, lese ich: „Das entstandene Volumendefizit paust sich nach bruchhafter und elastischer Verformung des Steinkohlen- und Deckgebirges bis zur Geländeoberfläche durch, wo es eine großräumige Absenkung verursacht.“

„Abpausen“ ist ein Wort, das ich sehr lange nicht benutzt habe. Es versetzt mich zurück an den Küchentisch. Mit Butterbrotpapier und einem schlecht angespitzten Buntstift versuche ich, das Bild eines Pferds aus einer Zeitschrift abzupausen, weil es mir freihändig nicht gelingen will, meine Lieblingstiere zu malen. Jedenfalls keine, die wie echte Pferde aussehen und nicht wie staksige Kastanienfiguren auf Streichholzbeinen. Die Bergsenkung ist ein rein physikalischer Vorgang – schwerkraftbedinges Auffüllen des Volumendefizits – aber es rührt mich, dass das Land sich scheinbar wie ein eifriges Kind bemüht, im Zusammensacken genau nachzuzeichnen, welche Form ihm im Verborgenen fehlt.

So liegen nun weite Bereiche des Ruhrgebiets als Polder unter Meeresniveau. Deshalb drücken die Flüsse, die den Bergbau als Transportwege mit ermöglichten, in die Fläche. Der Ballungsraum hätte sich längst in eine Seenplatte verwandelt, wenn nicht jedes Jahr 308 Millionen Kubikmeter Wasser abgepumpt würden. Dafür sorgt eine Einrichtung, die mir geradezu märchenhaft vorkommt: die später um den Lippeverband erweiterte Emschergenossenschaft. Sie wurde 1899 mit der Mission gegründet, die Ewigkeitskosten des Bergbaus aufzufangen. „Ewigkeitskosten“ klingt bereits wie aus einer Fabelwelt, aber das eigentlich Verblüffende ist in meinen Augen, dass sich ihrer wirklich jemand annimmt. Und eben nicht irgendjemand, sondern die tatsächlichen Verursacher. Im juristischen Rahmen einer Anstalt öffentlichen Rechts, in der auch Kommunen und Gennossenschaftsmitarbeiter:innen vertreten sind, bleiben die Berbaufirmen verpflichtet, die 209 Pumpwerke im Bereich von Emscher und Lippe zu finanzieren. Vorfluterverhältnisse nennt man das in der Wasserwirtschaft: die Maßnahmen vor einer drohenden Überschwemmung. Das präzise Gegenteil also von „Nach mir die Sintflut“.

Aber es ist nicht nur die Wasserückhaltung aus dem abgesenkten Revier, sondern auch die Abwasserwirtschaft, die der Emschergenossenschaft obliegt. Indirekt gehört nämlich auch deren Problematik zu den Bergbaufolgekosten. Während im Rest der preussisch verwalteten Gebiete seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts unterirdische Kanalisation verlegt wurde, gab es ausgerechnet im bevölkerungsreichen Ruhrgebiet keine Abwasserrohre. Die Bergsenkungen hätten diese immer wieder zerquetscht und auseinandergerissen. Die Entscheidung der Emschergenossenschaft, sich auch der Abwassersysteme anzunehmen, war weniger von Weitsicht getrieben als von dem akuten Arbeitskräftemangel durch eine Malaria-Epidemie, sowie Typhus- und Cholera-Erkrankungen. Die Notlösung bestand in einem überirdischen Abwassersystem: der Emscherlauf wurde nach und nach begradigt, befestigt und zum Kloake-Abfluß umgestaltet. So lässt sich also auch im Ruhrgebiet, das vielleicht besser Emschergebiet heißen sollte, von einem verlorenen Fluß sprechen. Er ist nicht ausgetrocknet, sondern wurde umgebettet, betoniert und Fäkal-verseucht. Als Fluß hatte ihn das ebenso ausgelöscht wie das Gewässer, dass die Geschwister Stein in der verdorrten Ödnis zwischen alten Zechentürmen vergeblich suchen.

Erst 1985 begann die Emschergenossenschaft, diesen massiven Eingriff wieder rückgängig zu machen. Dank der nun angeschlossenen Umbaumaßnahmen verfügt das nach Ende des Bergbaus zur Ruhe gekommene Ruhrgebiet inzwischen nicht nur über unterirdische Abwasserrohre, sondern auch über eines der weltweit modernsten und ökologischsten Klärsysteme. Beim Ortstermin mit dem Leiter der Emschergenossenschaft, Prof. Dr. Uli Paetzel, stand ich, nachdem ich durch viele technische Fragen die Besichtigung der Bottropper Kläranlage sehr in die Länge gezogen hatte, gegen Abend doch endlich im Grünen. Die Emscher mäanderte im Abendlicht durch unversiegeltes Gelände. Sie hieß einst „die Kurvenreiche“ und sie hat nach Abschluss der Renaturierung tatsächlich wieder eine Form, die diesem Namen alle Ehre macht.

Ich verspürte den heftigen Wunsch, ich könnte die waghalsigen Geschwister mitsamt ihres Schimmelwallachs Bataille aus der Romanhandlung herauslocken und an das Flußufer einladen. Aber vielleicht war es andersrum, vielleicht waren sie es, die mich hierhergeführt hatten. In Elmingers Text spricht Margarete Stein die Aufforderung folgerndermaßen aus:

„Tatsächlich sind wir nur zwei (und ein Pferd), schreibe ich an diesem Abend aber ich kann mit Gewissheit sagen, dass wir mehr sind. Hier sind auch die, an die wir uns erinnern, und die, auf die wir zu warten beschließen. Als Fritzi heute im Schnee lachte, dachte sie vielleicht daran, wie sie auf einem Fahrrad um eine Ecke biegt und kurz davor den Erinnerten und Erwarteten über die Schulter zuruft:
Wir treffen uns heute Abend am Fluss!
Vergesst nicht: heute Abend!
Treffpunkt am Fluss!
Heute abend werden wir am Fluss sitzen!
Auf Wiedersehen am Fluss!
Wir sehen uns am Flussufer!
Bringt Kuchen mit!
Bringt für alle ein Würstchen mit!
Zieht einen warmen Pullover über oder eine Windjacke!
Kommt auf euren Fahrrädern gefahren!
Kommt auf euren weißen Pferden geritten!“

Weiße Tiere haben in Mythen und Märchen stets die magische Kraft, von einer Welt in die andere hinüberzuleiten. Man denke etwa an Kerberos, den „Dämon der Grube“, der als Höllenhund über die Grenze zur Unterwelt wacht, oder an das weiße Kaninchen, das Alice ins Wunderland führt. Manchmal bedarf es für den Ritt von einer Welt in die andere aber keines Warmblüters, sondern der Grundungsparagraphen für eine Anstalt öffentlichen Rechts. An alle Erinnerten und Erwarteten: wir sehen uns.