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Schon ausgecheckt? – „Ruhrdeutsch wird oft mit Heimatgefühl assoziiert“

Wie tickt das Ruhrgebiet? Was ist so besonders am Pott und was bewegt die Menschen?

All diesen Fragen geht die Beteiligungsplattform „CheckPott“ auf den Grund. Das von der Brost-Akademie und Brost-Stiftung beauftragte Projekt ist eine Seite für alle, die den Ruhrpott mit anderen Augen betrachten und ganz neu kennenlernen möchten. Eine Plattform für alles, was im Pott für Diskussionen sorgt.

In dieser Serie präsentieren wir eine Auswahl an Beiträgen und aktueller Themen rund ums Revier. Heute:

„Ruhrdeutsch wird oft mit Heimatgefühl assoziiert“

Heimat in der Sprache: Linguistin Dr. Nantke Pecht, von der Universität Duisburg-Essen, erklärt im Interview warum das Ruhrdeutsch ein Türöffner sein kann.

Frau Dr. Pecht, Sie sind Soziolinguistin – was machen Sie da genau?

Nantke Pecht: Ich untersuche die Verknüpfung von sozialen Faktoren und Sprachgebrauch. Mich interessiert insbesondere die informelle gesprochene Sprache. Im Rahmen meiner Doktorarbeit habe ich mich beispielsweise mit einer deutsch-niederländischen Kontaktvarietät in Belgien-Limburg beschäftigt, die bis dato von ehemaligen Bergarbeitern gesprochen wird. Aktuell untersuche ich die Verwendung des am-Progressivs im Deutschen (z.B. „Ich bin am Zeitunglesen“). Zweitens erhebe ich gemeinsam mit Frau Professor Dr. Ziegler erste Daten in unterschiedlichen Bergbaumuseen im Ruhrgebiet. Unterstützt werden wir von vier studentischen Hilfskräften. Hiermit haben wir kürzlich angefangen, jedoch noch keine Daten ausgewertet.


Was machen Sie da, welche Daten sammeln Sie?

Wir untersuchen, inwiefern die Bergarbeitersprache mit dem Ruhrdeutschen verknüpft ist, also inwiefern das eine das andere beeinflusst hat.  Wir möchten unter anderem herausfinden, welche Merkmale aus der Bergbausprache noch in der heutigen Alltagssprache im Ruhrgebiet zu finden sind und vice-versa.


Ist das Ruhrdeutsche mit Bergbausprache gleichzusetzen?

Ich würde da vorsichtig sein. Das kann ich momentan nicht bejahen. Und die Frage ist: Gibt es eine Bergbau-Sprache oder wurde in jeder Zeche ein wenig anders gesprochen?

Bei Ruhrdeutsch handelt es sich um eine regional markierte Form der Alltagssprache.

Dr. Nantke Pecht

Sie sprechen vom Ruhrdeutschen als ‚Regiolekt‘. Ruhrdeutsch ist kein Dialekt?

Ganz genau! Bei Ruhrdeutsch handelt es sich genau genommen um einen Regiolekt oder eine „Regionalsprache,“ d.h. eine regional markierte Form der Alltagssprache.


Was ist da der Unterschied zu einem Dialekt?

Im Gegensatz zu traditionellen Dialekten weist der Regiolekt Einflüsse unterschiedlicher Dialekte auf, deren Merkmale bereits abgeschliffen sind. Ein Regiolekt ist sehr nahe an der Umgangssprache, es ist die regional geprägte Umgangssprache, die in diesem Sprachraum verwendet wird. Die Grenzen sind aber häufig schwer zu ziehen, weil einzelne Merkmale eines Sprachraums auch in anderen Sprachräumen, Dialekten wie Regiolekten vorkommen können.

Ferner sollte die Mobilität der heutigen Sprecherinnen berücksichtigt werden. Ein Sprecher, der aus Bayern kommt und ins Ruhrgebiet zieht, nimmt natürlich seinen Dialekt beziehungsweise sein gesamtes sprachliches Repertoire mit. Dass ein Sprecher oder eine Sprecherin an einem Ort geboren wird, dort sein oder ihr Leben lang wohnen bleibt und stirbt, und der Dialekt in der gleichen Form an die nachfolgenden Sprecher weitergegeben wird und unverändert bleibt – diese Vorstellung ist nicht zeitgemäß und dies war schon vor hundert Jahren nicht der Fall. Sprache unterliegt einem stetigen Wandel und verändert sich im Laufe der Zeit. Aber die Mobilität der heutigen Sprecher und Sprecherinnen ist bemerkenswert gestiegen.


Weil das Reisen leichter ist.

Wir sind viel mehr unterwegs. Junge Leute gehen vielleicht für ein Jahr ins Ausland. Dort kommen sie mit Sprechern unterschiedlicher Varietäten in Kontakt. Das Ruhrdeutsche wurde zudem maßgeblich von zwei Dialekten geprägt. Aus sprachwissenschaftlicher Perspektive verläuft eine Dialektgrenze durch das Ruhrgebiet.

Es verläuft eine Dialekt-Grenze mitten durch das Ruhrgebiet, die das Niederrheinische vom Westfälischen trennt.

Dr. Nantke Pecht

Die Dialekt-Grenze?

Es verläuft eine Dialekt-Grenze mitten durch das Ruhrgebiet, die das Niederrheinische vom Westfälischen trennt. Duisburg, Oberhausen und Mülheim an der Ruhr gehören ursprünglich zum Niederrheinischen. Essen, Bochum, Gelsenkirchen, Dortmund u.s.w. gehören zur westfälischen Dialekt-Gruppe. Einige der Merkmale, die wir heute im Ruhrdeutschen noch vorfinden, sind Relikte dieser ursprünglichen Dialekte. Trotzdem kann man das heutige Ruhrdeutsch nicht mehr mit den hier verbreiteten Dialekten von vor hundert Jahren vergleichen.


Gibt es Möglichkeiten, das Ruhrdeutsche in Sprachkursen zu erlernen, wie beispielsweise mit Plattdeutsch in Norddeutschland?

Mir sind keine Sprachkurse bekannt, die explizit Ruhrdeutsch vermitteln. Dies liegt vermutlich daran, dass Ruhrdeutsch kein Dialekt ist, sondern ein Regiolekt. Dialekte wie Alemannisch können Sie jedoch in Süddeutschland im Rahmen eines Sprachkurses versuchen zu erlernen.


Wenn ein Regiolekt wie das Ruhrdeutsche nicht unterrichtet wird, stirbt es dann nicht zwangsläufig irgendwann aus? Wird das Ruhrdeutsche noch genutzt?

Na ja, Sprache erwerben wir in der Interaktion mit anderen.  Die Dialekte, die im 18. und 19. Jahrhundert gesprochen wurden, sind heutzutage in dieser Region kaum noch vertreten. Wie stark ist das Ruhrdeutsche heute noch vertreten? Mir sind keine rezenten Studien bekannt, die eine systematische quantitative Untersuchung zur Verwendung des gesprochenen Ruhrdeutsch in unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen und an mehreren Orten des Ruhrgebiets durchgeführt haben. Es gab jedoch kürzlich ein großes Projekt zur visuellen Mehrsprachigkeit, geleitet von Frau Prof. Dr. Ziegler, das unter anderem das schriftliche Vorkommen von Ruhrdeutsch im öffentlichen Raum untersucht hat.

Interessanterweise tritt es visuell kaum in Erscheinung: Etwa 0,3 Prozent der Belege lassen sich auf das Ruhrdeutsche zurückführen.


Hat das Ruhrdeutsch Einfluss auf die Identität der Menschen hier in der Region?

Es ist anzunehmen, dass regionale Identität und Sprachgebrauch verknüpft sind. Die Nutzung regionalsprachlicher Merkmale ist oft kontextabhängig.  Wie interagieren Menschen miteinander und wie sprechen sie in unterschiedlichen Kontexten? Ich spreche beispielsweise mit meiner Mutter anders als mit meinem Vorgesetzten.


Lässt sich am Ruhrdeutschen die soziale Herkunft erkennen?

Merkmale des Ruhrdeutschen scheinen von Sprechern und Sprecherinnen unterschiedlicher gesellschaftlichen Gruppierungen verwendet zu werden. Ruhrdeutsch wird oft in informellen Kontexten gesprochen. Ein Kollege von mir konstatierte, mit dem Ruhrdeutschen drücken die Sprecherinnen und Sprecher eine Art Heimatgefühl aus. Die Nutzung scheint in dieser Hinsicht einem Dialekt zu ähneln. Wenn man mit einem Dialekt aufwächst, spricht man häufig den Dialekt innerhalb der Familie und mit Freunden. Standarddeutsch – oder eine andere Standardsprache – wird in formelleren Kontexten wie in der Schule oder am Arbeitsplatz gesprochen.

Das Ruhrdeutsche ist also eine informelle Sprachvarietät.

Ruhrdeutsche Merkmale werden vermutlich in informellen Kontexten häufiger verwendet – jedoch sind die Grenzen fließend. Hinzu kommt, dass das Ruhrdeutsche lange Zeit als stigmatisiert galt. Interessanterweise legen die Studien von Arend Mihm in den 80er-Jahren nahe, dass die Einstellung vieler Sprecher und Sprecherinnen durchaus positiv ist. Sie identifizieren sich mit dem Regiolekt, wenn sie aus der Gegend kommen. Ruhrdeutsch hat möglicherweise eine Art „Covert Prestige“. Das heißt, in bestimmten Situationen kann es hier in der Region vorteilhaft sein, Ruhrdeutsch zu sprechen.


Es ist also schon so, dass eine Sprache ein Gefühl von Heimat vermittelt?

Ja, ich denke schon. Das ist aber eine individuelle Frage und hängt damit zusammen, was ein Sprecher oder eine Sprecherin mit der Sprache assoziiert und wie stark sie oder er sich mit der Region identifiziert. Man kann sich andererseits auch bewusst davon abgrenzen, indem man diese Merkmale nicht verwendet.


Jetzt ist das Ruhgebiet eine Region mit vielen unterschiedlichen Gruppierungen. Spielt die Gruppe, die Ruhrdeutsch spricht, wirklich noch so eine große Rolle?

Einzelne Merkmale werden weiterhin aktiv verwendet und sind bis heute erhalten geblieben. Um Merkmale des Ruhrdeutschen zu verwenden, müssen Sie nicht im Ruhrgebiet geboren sein. Stellen Sie sich vor, dass ein Sprecher oder eine Sprecherin von Hamburg nach München zieht. Die Person würde wahrscheinlich, wenn sie sich mit der Region identifiziert und einen Freundeskreis in München aufbaut, nach einiger Zeit einzelne sprachliche Merkmale dieser Sprechergruppe übernehmen. Obwohl die Person dort nicht aufgewachsen ist.


Je nach Gruppe spreche ich anders und kann mir diese Merkmale aneignen.

Wir gehen seit den 90er-Jahren davon aus, dass soziale Gruppen nicht statisch sind und dass individuelle Sprecher unterschiedliche Merkmale verwenden. Es kommt darauf an, wie fest die Person in dieser Gruppe verankert sind. Denn Sie sind meistens nicht nur Teil einer sozialen Gruppe. Sie können sowohl Vater oder Mutter sein als auch Fußballspieler, Mitarbeiter in einem Betrieb oder Student/Studentin. Das heißt, in diesem Kontext kommen Sie mit unterschiedlichen Menschen in Berührung.

Sprecher, die hier aufwachsen und die zu Hause Englisch oder Türkisch oder Arabisch sprechen, übernehmen vermutlich trotzdem die Ruhrdeutschen Merkmale.

Dr. Nantke Pecht

Inwiefern wirkt sich Migration auf das Ruhrdeutsche aus?

Das ist eine gute Frage. Das Aufbrechen der alten Dialekte fing schon im 19. Jahrhundert an. Im Zuge der Industrialisierung hat sich der Sprachgebrauch im Ruhrgebiet langsam verändert. Im Kohlebergbau, aber auch durch Arbeitsmigration im 19. Jahrhundert hat sich das Ruhrdeutsche zu einem Kommunikationsmittel in der Region entwickelt, einmal zwischen den Arbeitern und Arbeitsmigranten, aber auch den städtischen Gemeinden. Zu der Zeit kamen viele Migranten aus den östlichen Gebieten, deren Sprachgebrauch vermutlich einen Einfluss ausübte.


Das heißt, der Einfluss von Migration auf unsere Sprache, den gibt es schon sehr lange und ist kein neues Phänomen.

Richtig.Sprecher, die hier aufwachsen und die zu Hause Englisch oder Türkisch oder Arabisch sprechen, übernehmen aber vermutlich trotzdem die Ruhrdeutschen Merkmale, denn sie kommen täglich mit dem Ruhrdeutschen in Kontakt. Es gibt bereits Untersuchungen zu den sogenannten „New Speakers“, also den neuen Sprechern von regionalen Varietäten oder Dialekten. In Norwegen und in der Provinz Limburg in den Niederlanden wurden zu diesem Thema Forschungsarbeiten verfasst. Man sollte die Schranken im Kopf aufbrechen und das Bild des „traditionellen Sprechers“ überwinden.

Sprache erwerben wir in der Interaktion mit anderen und nicht nur aus Büchern. Zumindest sollte das nicht so sein. Ich habe an unterschiedlichen Orten Spaniens gelebt, in Spanien auch die Sprache gelernt und man hört meinen deutschen Akzent. Man hört dennoch, wo ich mein Spanisch gelernt habe. Ich verwende regionale Merkmale im Spanischen. Das mache ich übrigens mittlerweile bewusst, weil ich weiß, dass sich mir Türen öffnen. Wenn ich regionale Merkmale verwende, sind Menschen eher entgegenkommend.


Sie nutzen Regionalsprache als Strategie?

Nicht bewusst, aber ich weiß mittlerweile: Wenn ich regionalsprachliche Merkmale des Spanischen verwende, die spezifisch in dieser Region verwendet werden, dann wird es auf jeden Fall positiv aufgenommen.


Was glauben Sie, wie wird sich das Ruhrdeutsche entwickeln? Wird das eine lebendige Sprache bleiben?

Ich denke, dass diese Entwicklung stark mit den Einstellungen der Sprecher und Sprecherinnen im Ruhrgebiet zu tun hat. Im Moment scheint es eine Tendenz zu geben, dass diese Merkmale weiterhin erhalten bleiben und auch von den jungen Sprecherinnen und Sprechern noch teils verwendet werden. Unbewusst möglicherweise. Wenn diese Merkmale eine positive Konnotation aufweisen, werden sie weiterhin verwendet. Sonst wäre das Ruhrdeutsche schon verschwunden.

Zum „CheckPott“ geht es hier.



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