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Auffällig selbstbewusst

Diskussion um neue Brost-Studie zeigt: Strukturwandel im Ruhrgebiet ist offensichtlich weiter, als die meisten Menschen denken

Spannend klingt zunächst mal anders…

„Auffällig unauffällig“ beschreiben Wissenschaftler die in den vergangenen zwei Jahren abgefragten „Politische(n) Einstellungsmuster im Ruhrgebiet“. Im Rahmen des von der Brost-Stiftung geförderten Projektes „Ein neuer Gesellschaftsvertrag in Zeiten sozialer Fragmentierungen – Gestaltungsoptionen für das Ruhrgebiet“ hat ein Team von Ökonomen aus dem Institut der deutschen Wirtschaft (IW) und Soziologen von der Ruhr-Universität Bochum tief in Herz und Hirn der Ruhrgebietsmenschen hineingeleuchtet.

Spannend wurde es tatsächlich, als die gleichnamige Studie am Montag in einem hybriden Kongress am IW in Köln vorgestellt und diskutiert wurde. Einigermaßen unerwartet kamen zunächst die deutlichen Abweichungen zwischen Realität und eigener Wahrnehmung im politischen und wirtschaftlichen Umfeld: Die Menschen im Revier schätzten die Arbeitslosenquote in Deutschland auf rund 29 Prozent - sie lag zum Zeitpunkt der Befragung (2020) nur bei rund sechs Prozent! Mit weiteren Projektergebnissen können Sie sich auf einer interaktiven Plattform (mit hohem Unterhaltungswert) beschäftigen (So tickt das Ruhrgebiet - Checkpott).
Es muss der Region gelingen, das auffällig Unauffällige auffälliger zu machen. Das braucht Zeit.

Prof. Dr. Michael Hüther, Institut der Deutschen Wirtschaft

Der in weiten Teilen vorherrschende pessimistische Zukunftsblick im Revier wird begleitet von niedrigerer Wahlbeteiligung sowie einer höheren Zustimmung zu einer rechtspopulistischen Partei. „Auffällig unauffällig“ zeigt sich in der Gesamtschau dennoch die übergeordnete Zufriedenheit mit der Demokratie, Menschen im Revier weichen in ihren Überzeugungen kaum von den übrigen Bundesbürgern ab. Entscheidenden Anteil weisen die Wissenschaftler dabei den im Ruhrgebiet sehr verbreiteten klassischen Lokalmedien (Zeitung, Radio) zu, „deren Konsumenten das politische System weniger kritisch evaluieren“.

„Die Studie hat uns schnell die Sorge genommen, das Zutrauen zur Demokratie könne unter den permanenten Herausforderungen des Strukturwandels leiden“, so Professor Michael Hüther, Direktor des Instituts der Deutschen Wirtschaft. „Daraus lässt sich im Rückschluss ableiten, dass im Ruhrgebiet offensichtlich Wandel in Gang gekommen ist, ohne dass sich dessen Strahlkraft schon in ganz Deutschland bemerkbar macht.“

Dafür sprächen nicht nur die Zahl der Studierenden (60.000 allein in Bochum) an 22 Hochschulen der Region mit über 400 Studiengängen. Das „Laboratorium für Realismus“ entwickelt sich zum Zentrum für Zukunftstechnologien wir Wasserstoff oder E-Mobilität, der Bereich Gesundheitswirtschaft ist inzwischen größter Arbeitgeber der Region.
Dem Ruhrgebiet fehlt ein Projekt mit Strahlkraft, etwa die Ansiedlung eines Weltkonzerns wie Google

Prof. Dr. Rolf G. Heinze, Fakultät für Sozialwissenschaft der Ruhr-Universität Bochum

Alle vier Ruhrgebietsregionen zählen jedoch immer noch zur Gruppe der 19 gefährdeten Regionen Deutschlands, im Regionalranking des Instituts der Deutschen Wirtschaft liegen auf den hintersten zehn Rängen vier Ruhrgebietsstädte. Aber in keiner Metropolregion sind die Menschen im Durchschnitt schneller beim Hausarzt, im Krankenhaus oder in einer Apotheke. Laut Berechnungen des IW liegt die durchschnittliche PKW-Fahrzeit zum nächsten Krankenhaus bei vier Minuten. Auch bei der Anzahl der Krankenhausbetten je 1.000 Einwohner liegt das Ruhrgebiet mit 7,8 Betten (Stand 2017) gleichauf mit dem globalen Spitzenreiter Japan (ebenfalls 7,8).

Hernes Oberbürgermeister Dr. Frank Dudda (SPD) trug in der Debatte weitere Kapitel einer immer dynamischeren Erfolgsgeschichte bei. „Wir machen gerade einen Imagefilm über die grünste Industrieregion der Welt. Mit der Renaturierung der Emscher haben wir ein international beachtetes Projekt im Bereich Naturschutz und Wassermanagement realisiert. Wenn wir im nächsten Jahr die Emschergenossenschaft mit den Verantwortlichen für Lippe und Ruhr zusammenführen, spielen wir im Bereich Ökologie auf Weltniveau.“ Bis zur EM 2024 verspricht er in Kooperation der Ruhrgebietsstädte deutliche Verbesserungen im Nahverkehr, etwa durch Ausbau von Schnellbuslinien.
In der Debatte über die Studie wurde klar: Auch erfolgreich angegangene Neubepflanzung braucht Dünger. Es ist kein Naturgesetz, dass der Förder-Jetstream nur von West nach Ost verläuft. Das Revier hat Anpassungs- und Neustarterfahrung. Aber auch diese Region braucht Hilfe zur Selbsthilfe.

Prof. Bodo Hombach, Vorstandsvorsitzender der Brost-Stiftung

Als weiteres Aufbruchssignal wertet Dudda die wachsende Bereitschaft junger Hochschulabsolventen, in der Region zu bleiben. „Es kehren sogar überraschend viele meiner früheren Abikameraden zurück!“ Außerdem sei in den zahlreichen Ruhrgebietsgremien das Kirchturmdenken Vergangenheit. Eine Entwicklung, die Prof. Julia Frohne, Geschäftsführerin der Business Metropole Ruhr, unterstreicht: „Als Ruhr Area belegen wir auf dem European Road Index als Tourismusregion einen Platz im oberen Mittelfeld.“

Blockiert werde der Transformationsfortschritt, nach übereinstimmender Einschätzung von Dudda und Hüther, durch die erdrückende Last der Altschulden. „Wenn die Ampelkoalition das Thema nicht auf die Agenda nimmt, wird sie hier im Ruhrgebiet schon entscheidend an Vertrauen verlieren“, so der Herner Oberbürgermeister. Hüther spielt den Ball eher ins Feld der Landesregierung: „Hessen und das Saarland haben gezeigt, wie sich ein Schuldenerlass unter Einbeziehung der Bürger regeln lässt. Das Fundament für die Zukunft wird in den Kommunen gebaut.“

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