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Wieviel ZEIT bleibt der ZEITung noch?

Aktuelle Publikation der Brost-Stiftung beschäftigt sich mit den Perspektiven des Lokaljournalismus an Rhein und Ruhr

„Die Lokalzeitung ist systemrelevant, weil sie kommunalen Alltag von den Terminen der Müllabfuhr bis zu großen städtischen Planungsprojekten abbildet. Aber sie erreicht viele Bürger nicht mehr – wer füllt jetzt diese Lücke?“
Dr. Helge Matthiesen, Chefredakteur des Bonner Generalanzeigers, formulierte zum Auftakt punktgenau die zentrale Fragestellung des ambitionierten Projektes. In mehreren Workshops beschäftigte sich eine von der Brost-Stiftung initiierte, personell unterschiedlich besetzte, Arbeitsgruppe mit der Frage von „Perspektiven des Journalismus an Rhein und Ruhr“. Jetzt liegt eine Dokumentation der Ergebnisse vor, gut 120 Seiten stark, aufgeteilt in vier inhaltliche Schwerpunkte von der Bestandsaufnahme bis zu Erfolgsstrategien in Zeiten wachsender Konkurrenzen.
Regionalität hat Zukunft. Davon war die Brost- Stiftung überzeugt, als sie ihr zweijähriges Forschungsprojekt auflegte, und die hier vorgelegten Ergebnisse bestätigen den Verdacht. Ein solcher Abschlussbericht ist nichts weniger als »abgeschlossen«. Er ist »work in progress« und offen für alle, die an dieser Geschichte mitarbeiten. Die »Perspektiven des Lokaljournalismus an Rhein und Ruhr« sind Bestandsaufnahme und Herausforderung zugleich.

Professor Bodo Hombach, Vorstand Brost-Stiftung

Die Publikation belegt die schwierige Suche der Medienhäuser nach erfolgreichen Geschäftsmodellen in Zeiten erodierender Printauflagen. Auf einem Markt, den zahllose Anbieter mit digitalen Inhalten überschwemmen.

88 Prozent der Bürger Glauben „ihrer“ Zeitung

Gleichzeitig suchen die Bürger in diesem unübersichtlichen Angebot nach Orientierung. Eine von der Brost-Stiftung beauftragte repräsentative Forsa-Umfrage im Ruhrgebiet belegt: Neben dem Radio (91 %) genießt die gedruckte lokale Tageszeitung (88 %) unter den Menschen im Revier die größte Glaubwürdigkeit. Das Internet hingegen halten nur 41 Prozent, Anzeigenblätter nur 36 Prozent und die sozialen Medien sogar nur 19 Prozent der Befragten für verlässlich.

Neben der Umfrage enthält die Projektdokumentation weitere Beiträge von Wissenschaftlern sowie Journalisten, die spannende Einblicke in ihren sich wandelnden Berufsalltag geben. Andreas Tyrock, Chefredakteur der „Westdeutschen Allgemeinen Zeitung“ berichtet zum Beispiel über die zweijährige Entwicklung des Bochumer Lokalfensters „Pro-Bo“ als der „Zukunft des Lokaljournalismus“.

Mit einer Qualitätsoffensive sowie kundenfreundlichen Bezahlmodellen bei den Onlineangeboten wollen die Lokalredaktionen im digitalen Zeitalter überleben, wie u.a. Marcel Wolber, Leiter Digitale Inhalte und Produkte beim „Bonner Generalanzeiger“, aufzeigt.
Wer zu lange zurückblickt, wird die Zukunft nicht gewinnen

Andreas Tyrock, WAZ-Chefredakteur

Wer prüft am Ende Fakten und Wahrheit?

Und dabei trifft professioneller Journalismus auf eine wachsende Konkurrenz von Politik, Wirtschaft und öffentlichen Dienstleistern, die ihre Kommunikation selbst organisieren. Die institutionellen News-Lieferanten eint ein Marktvorteil: Weder Ministerien, Polizei, Unternehmensportale oder Kirchenzeitung müssen - im Gegensatz zur Lokalzeitung – Geld verdienen! Die neuen Medienmacher stocken personell und strukturell rasant auf, während sich in den klassischen Medienhäusern die Reaktion auf aktuelle Herausforderungen weitestgehend auf Sparen und Stellenstreichungen reduziert.
Auch an dieser Stelle weist Matthiesen auf ein zentrales Problem hin: „Wer stellt die Frage: Stimmt das alles überhaupt? Wer nimmt die Wächterfunktion wahr, wenn Behörden und Unternehmen mit ihren Portalen die Lokalzeitung ersetzen?“
Noch mehr von Nöten wird diese „Wächterfunktion“ im Dickicht der sozialen Medien, Professor Klaus Meier weist in seinem Beitrag auf die „Chancen und Gefahren alternativer Öffentlichkeiten“ hin.
Frank Bußmann, Leiter der Pressestelle der Stadt Dortmund, fasst die aktuellen Herausforderungen des früher eher betulichen Arbeitsfeldes Lokaljournalismus ziemlich umfassend in seinem Beitrag „Information, Transparenz, Partizipation – Kommunale Öffentlichkeitsarbeit in einer Medienwelt der Zuspitzung“ zusammen: „Das große Medien-Lagerfeuer, um das sich alle sinnstiftend versammeln, gibt es nicht mehr. Es lodert hingegen an vielen Stellen. Zu oft wird auch gezündelt…In Zeiten, in denen der die Aufmerksamkeit bekommt, der am lautesten schreit, braucht Journalismus Professionalisierung. …Partner, die ein seriöses Informationsangebot annehmen, einordnen, berichten und auch kommentieren.“

Die Broschüre „Perspektiven für den Lokaljournalismus an Rhein und Ruhr“ können Sie hier herunterladen.

Mehr zu den Workshops können Sie unter dem Stichwort „Lokaljournalismus“ auf unserer Website nachlesen

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