Ruhr(gebiet) hautnah erleben
6. Oktober 2021
alle anzeigen

Nabelschau und Blick von außen

Bei der lit.RUHR unterhielten gleich drei Metropolenschreiber mit ihren Sichtweisen des Ruhrgebiets

Die Beschreibung der Anreise einiger Gesprächsteilnehmer führte direkt ins Thema des Abends: Sowohl Raphaela Edelbauer (auf der A40!) als auch Wolfram Eilenberger hatten auf dem Weg zur Zeche Zollverein stundenlang im Stau gestanden…
Mit Verspätung erst erreichten die beiden Autoren die Diskussionsrunde im Rahmen der lit.RUHR, bei der sie sich gemeinsam mit Kollege Ariel Magnus um eine literarische „Vermessung des Ruhrgebiets“ bemühen wollten. So bot sich Moderatorin Claudia Dichter mit leichtem Verzug die Gelegenheit, mit Edelbauer die neue Metropolenschreiberin Ruhr der Brost-Stiftung vorzustellen, eingerahmt von zwei ihrer Vorgänger.

Während der argentinische Schriftsteller Ariel Magnus sowie der Philosoph Wolfram Eilenberger bereits die Region schriftlich erkundet haben, tastet sich die Wienerin (Jahrgang 1990) erst seit wenigen Tagen in ihren Revieralltag. Zu dessen großen Herausforderungen die Orientierung in der Stadtschreiber-Residenz in Mülheim gehört, „in der es mindestens 70-80 Lichtschalter gibt“. Was sie in den nächsten sechs Monaten als Metropolenschreiberin erwartet, beschrieben im Laufe eines unterhaltsamen Abends die beiden Vorgänger – mit durchaus widerstreitenden Eindrücken und Wertungen.
Das Ruhrgebiet muss sich nicht ständig verändern, sondern die auftretenden Spannungen aushalten.

Ariel Magnus

Magnus erlebte Corona-Pandemie und Lockdown im Ruhrgebiet, seine Auseinandersetzung mit der Region fand fast ausschließlich in der Bibliothek oder via Internet statt. „Ich hatte schon vor der Abreise aus Buenos Aires mit den ersten kleinen Geschichten begonnen. Es braucht nicht viel Input von außen, wenn man die Realität fiktional aufarbeitet. Viele meiner Geschichten spielen in Städten, in denen ich nie war“, bilanzierte er die Entstehung seiner 53 so genannten „Erzählbriketts“.
Trotz fehlender Nähe entlarvt er, zugespitzt, die kleinen Schwächen seiner vorübergehenden Nachbarn, wenn er etwa den „Ruhrossi“ beschreibt. Einen früheren Bergmann, der den Trend zur „Ostalgie“ für sich entdeckt und sich in seiner „Püttalgie“ an die schönen (vergangenen) Zeiten des Kohlereviers klammert.

Magnus: „Die Geschichte ist aber keine Kritik, sondern ein Plädoyer für die Nostalgie. Ich komme aus dem Land des Tangos, dort gibt es nur Vergangenheit, nicht einmal eine Gegenwart. Es ist eine große Leistung der Menschen hier im Ruhrgebiet, dass sie das Ende des Kohlebergbaus akzeptieren und sich dem Neuen stellen. Im Osten Deutschlands tut man sich mit der Vergangenheitsbewältigung erkennbar schwerer.“
Das Ruhrgebiet hat seinen eigenen Tod schon einmal überlebt. Das hat die Region dem Rest von Europa voraus.

Wolfram Eilenberger

Eilenberger wollte sich dieser Bestandsaufnahme erwartungsgemäß nicht anschließen. Für den Bestseller-Autor („Zeit der Zauberer“) lag seit Beginn seines Metropolenschreiber-Aufenthaltes die ständige Idealisierung vermeintlicher Kumpelherrlichkeit wie Mehltau über der Region. „Es ist höchste Zeit, von den Nostalgiefäden, mit denen das Ruhrgebiet noch heute das Bild der Gegenwart webt, einige abzuschneiden. Nicht nur, weil in diesem Geschichtsbild Frauen fast keine Rolle spielen“, so Eilenberger. „Das Ruhrgebiet kommt mir heute vor, wie der vernarbte Bauchnabel des fossilen Kapitalismus.“ Direkt vor der Haustür erlebten die Menschen das Ende einer Lebensform, in der die Erde gnadenlos ausgebeutet wurde. „Wir sind jetzt alle Bergleute, weil wir wissen, dass wir so nicht mehr weiterleben können.“
Für Raphaela Edelbauer offenbaren die Wertungen der Vorgänger die Ambivalenz der Region, die ihr schon bei den ersten Ausflügen bewusst wurde: „Ich habe Zeche Zollverein erkundet und war im Landschaftspark Duisburg-Nord. Vor dem Hintergrund einer Klimaschutzdebatte kann man diese Denkmäler auch als Mahnmale für die Verfehlungen der Menschheit interpretieren.“ In ihrem Roman „Flüssiges Land“ steht ein Ort im Mittelpunkt, dessen Fundament durch jahrzehntelangen Kalk-Bergbau völlig durchlöchert ist. Es öffnet sich ein Krater, der alles zu verschlingen droht. Die Erzählung um Ausbeutung an Natur und Menschen, Zwangsarbeit und Gewalt sowie entfesselten Kapitalismus lässt sich ins Ruhrgebiet übertragen. Edelbauer: „Ich versuche gerade die Frage für mich zu beantworten, für wen ich während der Metropolenschreiberschaft arbeite. Es soll ja interessant für die Menschen der Region sein, die sich hier besser auskennen als ich. Aber muss ja auch Leser erreichen, die sich als Außenstehende per se erst mal nicht für das Ruhrgebiet interessieren.“
Das Ruhrgebiet ist ein Zukunftsstandort in der Entwicklung künstlicher Intelligenz.

Raphaela Edelbauer

Mit Events und Perfomances will sie sich in den nächsten Monaten vorstellen, sie begleitet den Aufenthalt im Revier mit einem Videotagebuch und sucht die direkte Kommunikation in den sozialen Netzwerken. Am Ende könnte ein Theaterstück ihre Erfahrungen zusammenfassen.

Mit dieser nächsten literarischen Gattung entwickelt sich für Ariel Magnus der mit dem Metropolenschreiber-Projekt initiierte „Blick von außen“ in die richtige Richtung: „In 10 Jahren wird die Metropolenschreiber-Bibliothek voll sein mit unglaublichen Einsichten.“

Bisher finden sich darin die „Glücksgeschichten“ von Gila Lustiger, das „RUHR GEBIETE“-Heft von Lucas Vogelsang sowie der Kurzgeschichten-Band von Magnus. Und Wolfram Eilenbergers „Das Ruhrgebiet – Versuch einer Liebeserklärung“. Dort schreibt er „Nichts hat dem Ruhrgebiet wohl mehr geschadet als die Zähigkeit seines Verkehrs. Sich an einem diesigen Herbsttag per Auto durch das Revier zu bewegen, gleicht der Erfahrung, durch ein 100-Kilometer-Becken Erbseneintopf zu tauchen.“ Daran hat sich offensichtlich auch im Herbst 2021, siehe oben, wenig geändert…

Es können keine Kommentare abgegeben werden.