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Zwei Sprachen, zwei Welten, ein Pass

Die Geschichte von Nurdan Kanıkurumaz – von Wilfried Pastors

Geboren ist Nurdan Kanıkurumaz in Duisburg, die türkische Identität bleibt aber Teil ihrer Persönlichkeit. Selbstbestimmt. Als Lehrerin erlebt sie täglich Bildungsbenachteiligung bei Migrantenkindern. Und kämpft »mit brennendem Herzen« dagegen an.

 

Wenn Nurdan Kanıkurumaz die Tür des Lehrerzimmers hinter sich schließt, trägt sie ein Stück gelebte Migrationsgeschichte mit in den Unterricht. Ihr ruhiges Auftreten, das Kopftuch als Bekenntnis und Statement. »Ich weiß, dass viele Menschen mich über ein äußeres Symbol wahrnehmen«, sagt sie. »Aber für meine Schüler bin ich in erster Linie Lehrerin.« Ihr Weg dorthin begann in Duisburg­-Rheinhausen – und schon eine Generation vorher in einer kleinen türkischen Stadt.

 

Von Ford in den Ruhrpott

 

»Mein Großvater kam in den sechziger Jahren nach Deutschland – ganz allein, nach Köln«, erzählt sie. »Er hat bei Ford gearbeitet. Erst danach durften meine Oma und mein Vater nachkommen.« Der Vater war damals ein Kind, geboren in der Türkei, aufgewachsen zwischen zwei Sprachen, zwei Welten. Später heiratete er eine Frau aus seiner alten Heimat. Nurdan wurde schon in Deutschland geboren. »Ich bin hier aufgewachsen, also sehe ich mich als Duisburgerin, genauer als Rheinhausenerin.« Ihr Elternhaus war kein akademisches, aber ein intaktes. »Meine Eltern sind meine größten Unterstützer. Ich wohne noch bei ihnen.« Diese familiäre Unterstützung wurde zum Fundament ihres Weges. »Ich musste mich nie gegen meine Familie behaupten«, sagt die angehende Lehrerin. »Ich musste mich eher gegen Alltagsrassismus in den Institutionen behaupten.«

 

Wenn das Tuch zur Barriere wird

 

Während ihres Lehramtsstudiums bekommt sie für ihr verpflichtendes Schulpraktikum eine Zusage – und kurz danach eine Absage. »Ich sollte eigentlich nur noch zum Unterschreiben vorbeikommen. Dann hieß es plötzlich, sie hätten keinen Platz mehr. Ich wusste, was Sache ist.« Der Schulleiter wolle keine Studentinnen mit Kopftuch, gab die Sekretärin schließlich zu. Sie spricht ruhig darüber, ohne Bitterkeit. Und doch ist spürbar, wie sehr dieses Erlebnis sie geprägt hat. »Es war mein erster Kontakt mit institutioneller Diskriminierung. Ich habe kurz überlegt, ob ich das Studium abbreche.« Sie sucht sich eine andere Schule – in Oberhausen. »Dort war alles normal«, sagt sie. Doch der Riss im Selbstverständnis blieb. Heute steht sie selbstbewusst davor: »Ich habe gelernt, dass Vorurteile nicht mein Problem sind, sondern das des anderen.«

 

Lehrerin zwischen zwei Welten

 

Nurdan Kanıkurumaz unterrichtet Spanisch und Türkisch (»die beiden schönsten Sprachen der Welt«) an einer Gesamtschule im Duisburger Norden. Die Schüler: vielfältig, multikulti, neugierig. »Ich liebe meine Schule. Ich bin gern hier.«

 

Ihre Fächerwahl ist fast sinnbildlich: Spanisch, eine Sprache, die sie über einen Schüleraustausch in Valencia lieben lernte. Türkisch, ihre Muttersprache, heute Teil des Lehrplans. »Das sind die zwei Sprachen, die mein Leben verbinden – meine Herkunft und meine Offenheit.« Im Unterricht nutzt sie die Mehrsprachigkeit ihrer Schüler als Ressource, nicht als Hindernis. »Wer Sprachen kennt, denkt flexibler. Ich sehe Mehrsprachigkeit als Geschenk.« Sie arbeitet oft mit bilingualen Methoden. »Wenn Schüler in Spanisch Schwierigkeiten haben, weil ihnen deutsche Vokabeln fehlen, gehe ich mit ihnen einen Schritt zurück. Ich erkläre Konzepte auf Deutsch, Türkisch oder mit Bildern, bis sie es verstehen. So lernen sie nicht nur Sprache, sondern Vertrauen.«

 

»Man wird freundlich behandelt – bis man erinnert wird, dass man anders ist«

 

Nurdan Kanıkurumaz spricht nicht vorwurfsvoll von Diskriminierung, aber sie kennt sie genau. Ob in einem Museum in Essen – »Ich wurde am Eingang beleidigt, einfach so« – oder im Fitnessstudio, wo ein Mann spöttisch sagte: »Müssen wir uns das hier antun?« – der Alltag hat viele Formen von Rassismus. »Das sind Momente, in denen du kleiner wirst«, sagt sie. »Und irgendwann fängst du an, dich zu erklären – obwohl du nichts erklären müsstest.« Am meisten belasten sie die subtilen Verletzungen: das Staunen über akzentfreies Deutsch, der beiläufige Satz »Sie sprechen aber gut Deutsch«, das ständige Bedürfnis anderer, ihre Herkunft zu thematisieren. »Wenn in der Türkei Wahlen sind, werde ich gefragt, wen ich wähle. Wenn irgendwo im Nahen Osten etwas passiert, bin ich plötzlich die Expertin. Niemand würde eine deutsche Frau zufällig im Zug fragen, wen sie bei der Bundestagswahl unterstützt. Aber ich muss mich immer legitimieren.«

 

Sie sagt es ohne Zorn, eher mit Müdigkeit. »Viele merken gar nicht, wie das wirkt. Aber ich fühle, ob mich jemand aus ehrlichem Interesse anspricht – oder aus Überlegenheitsgefühl.«

 

Ein fremdes Land, in dem sie »Deutsche« war

 

Manchmal vergleicht sie die Erfahrungen mit ihrer Zeit in Spanien. Ein halbes Jahr studiert sie in Valladolid, besucht auch heute noch regelmäßig ihre Gastfamilie in Valencia. »In Spanien hat mich nie jemand gefragt, warum ich ein Kopftuch trage.« Im Gespräch mit Studierenden dort merkt sie, wie unterschiedlich Wahrnehmung funktionieren kann. »Ich sagte, ich bin in Deutschland geboren, aber türkisch. Und sie sagten: ›Dann bist du Deutsche!‹ Das war für mich ein Schlüsselmoment. In Deutschland muss ich mich erklären – in Spanien nicht.« Erst dort versteht sie den Unterschied zwischen Herkunft und Zugehörigkeit. »Ich bekam erst im Ausland das Gefühl, dass Deutschsein nichts mit Aussehen zu tun hat.«

 

Eine Entscheidung, die Identität verändert

 

Während ihres Spanienaufenthalts trifft sie einen Studenten aus Paderborn. »Jonas hieß er«, erinnert sie sich. »Wir sprachen über Staatsbürgerschaften. Ich sagte, ich kann keine doppelte haben, also bleibe ich türkisch.« Jonas’ Antwort verändert etwas in ihr: »Er sagte: Das ist doch nur Papier, aber eines, das zeigt, wo du lebst. Du bist doch längst Teil des Landes, in dem du dich zuhause fühlst.« Dieser Satz wirkt nach. »Ich merkte, wie ich mir selbst Grenzen gesetzt hatte, weil mir andere Grenzen gezeigt hatten«, sagt sie.

 

Kurz danach entscheidet sie sich für die deutsche Staatsbürgerschaft. »Ich wollte, dass meine rechtliche Identität endlich mit meiner gelebten übereinstimmt.« Heute sagt sie klar: »Ich bin beides – türkisch und deutsch. Und das ist kein Widerspruch. Ich spreche zwei Sprachen, trinke türkischen Tee und esse deutsche Kartoffeln. Das ist mein Alltag.«

 

Integration – mehr als gute Noten

 

Sie steht kurz vor dem zweiten Staatsexamen – und sieht ihren Beruf als Auftrag. »Ich weiß, was es heißt, sich ausgeschlossen zu fühlen. Ich will, dass kein Kind das muss. Ich bin Lehrerin, aber auch Begleiterin.« Als Lehrerin mit Kopftuch sei sie für viele Jugendlichen mit Migrationsgeschichte Vorbild. »Wenn ich erzähle, dass ich im Ausland studiert habe, sehen sie plötzlich: Auch ich kann das schaffen.« Sie sieht Integration nicht als Einbahnstraße. »Viele sagen: Wer will, schafft es. Das stimmt nur halb. Man braucht auch Strukturen, die einem Chancen geben.« Beide Seiten müssten lernen, wie man zusammenlebt: »Die Mehrheitsgesellschaft muss begreifen, dass Integration mehr ist als Anpassung. Es geht nicht darum, gleich zu werden, sondern gleichberechtigt zu sein.«

 

Der kleine Alltag als Gegenerzählung

 

Manchmal findet sie das Miteinander einfach im Treppenhaus. »Wir wohnen in einem Mehrfamilienhaus. Zu Weihnachten bringt uns unsere Nachbarin Plätzchen, zum Zuckerfest bekommt sie Baklava. Wenn sie krank ist, kocht meine Mutter für sie.

 

Das ist Integration. Nicht theoretisch – praktisch.« Solche alltäglichen Beispiele, sagt sie, bräuchten mehr Raum im öffentlichen Gespräch. »Wenn Menschen das Füreinander sehen, verstehen sie, dass Integration schon längst funktioniert.« Die Medien aber, fügt sie hinzu, erzählten oft nur die Extreme. »Im Ramadan weiß ich genau, welche Schlagzeilen kommen. Und dann denke ich: Jetzt muss ich mich wieder erklären.«

 

Über Empathie, Bildung und gleiche Chancen

 

Nurdan Kanıkurumaz glaubt, dass Bildung der Schlüssel ist. Sie wünscht sich Reformen, die nicht nur auf Migrantenkinder zielen, sondern auf alle benachteiligten Schüler. »Was wir brauchen, ist kein Ethno­-Unterricht. Wir brauchen Gerechtigkeit.« An ihrer eigenen Schule erlebt sie, wie strukturelle Hürden wirken. »Viele Schüler mit Fluchterfahrung können mit Wörterbüchern nicht umgehen – nicht, weil sie dumm sind, sondern weil sie es nie gelernt haben. In knappen Lehrplänen bleibt dafür keine Zeit.« Sie fordert mehr Zeit, kleinere Klassen, Sprachförderung ohne Stigma. »Wenn jemand in Deutsch Hilfe braucht, heißt das nicht, dass er defizitär ist. Es heißt nur, dass er anders gelernt hat.« Bildungsbenachteiligung bei Migrantenkindern rückt nach ihrer Erfahrung immer mehr in den Vordergrund: »Wir müssen gemeinsam dafür kämpfen, dass diese jungen Menschen trotzdem studieren oder sogar promovieren können. Das brennt mir im Herzen.«

 

Offenheit als Haltung – auch im Ehrenamt

 

Neben ihrem Beruf engagiert sich Nurdan ehrenamtlich in der Hospizarbeit. Sie hat einen interkulturellen Befähigungskurs absolviert, betreut Sterbende – allein, einfühlsam. »Man lernt dort unglaublich viel über Kultur und Kommunikation«, sagt sie. »Zum Beispiel, wann man besser nicht fragt.« Sie erzählt von einem Patienten aus Ghana, mit Fluchterfahrung, über den sie sagt: »Sensibilität bedeutet, nichts vorauszusetzen. Ich wollte ihn nicht verletzen, sondern verstehen.« Interkulturelle Arbeit, sagt sie, erfordere genau das: »Echte Offenheit. Man bekommt dabei mehr, als man gibt.«

 

Wünsche an eine Gesellschaft, die zusammenwächst

 

Am Ende des Gesprächs, auf die Frage nach einem Wunsch an die Zukunft, zögert sie nicht lange: »Ich wünsche mir, dass Kinder mit Migrationshintergrund die gleichen Chancen haben wie andere – und dass Schule das erkennt.« Schule, sagt sie, sei der beste Ort für Wandel. »Dort begegnet sich die Gesellschaft zuerst. Wenn Lehrer, Schüler und Eltern lernen, sich gegenseitig ernst zu nehmen, beginnt Integration ganz nebenbei.«

 

Nurdan Kanıkurumaz steht für eine Generation, die Integration nicht diskutieren, sondern leben will – geduldig, reflektiert, unaufgeregt. Sie hat Diskriminierung erlebt, sich dennoch zu Deutschland bekannt. Trotz Staatsbürgerschaft steht sie aber zu ihrer türkischen Identität und zum Islam. »Loyalität und einen gemeinsamen Wertekanon finde ich sehr wichtig. Es sollte aber möglich sein, dass jeder Bürger auch mit individuellen Werten und Normen existieren darf.«