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»Wir warten nicht länger, bis der Kommunismus stirbt.«

Die Geschichte von Maria und Czeslaw Golebiewski – von Tom Hoops

Es sind diese kleinen Glücksmomente, diese »bunten Schmetterlinge«, flüchtig, aber intensiv, die Maria und ihrem Mann Czeslaw immer wieder vor Augen führen, dass sie ihr Leben vor 26 Jahren in die richtige Bahn gelenkt haben. Wenn am Abend nach stundenlanger Knochenarbeit jemand plötzlich am Klavier auf der Bühne sitzt und ein Konzert spielt – dann ist ihre Erschöpfung verflogen, sind ihre Gäste glücklich. Für diese Momente hat das Ehepaar Golebiewski mitten in Oberhausen eine kulturelle Begegnungsstätte geschaffen, benannt nach ihrer ehemaligen Heimat: Gdańska.

 

»Das hat er mir verheimlicht«

 

»Wir sind 1990 als Spätaussiedler hergekommen, mein Mann fünf Monate eher«, erzählt Maria schmunzelnd. Denn sie habe vor 46 Jahren in Polen einen Deutschen geheiratet, ohne es zu wissen. »Das hat er mir verheimlicht: Czesławs Opa ist als Gastarbeiter ins Ruhrgebiet gekommen, wo er eine große Familie gegründet hat mit sehr, sehr vielen Kindern. Einer davon war mein Schwiegervater. Und als Polen wieder frei war, sind sie zurück.«

 

Czeslaw stößt zum Gespräch dazu, schnappt sich ein Stück Kuchen. Der studierte Ozeanograf ist eigentlich immer auf den Beinen, repariert zwischendurch die Spülmaschine im Restaurant. »Das ist immer so mit ihm und seinem ADHS, er muss einfach ständig etwas machen. Dadurch ist er aber auch noch so jung geblieben«, sagt Maria liebevoll. Beide lassen Zweifel daran aufkommen, dass sie tatsächlich schon 73 Jahre alt sind. In Polen haben sie als Lehrer gearbeitet. »Mein Mann ist zwar keiner«, setzt Maria an. »Eh, willst du mich beleidigen«, interveniert Czeslaw scherzhaft. »Du bist Wissenschaftler und hast unterrichtet.« Doch zu der Zeit erreichte die Solidarność­-Bewegung ihren Höhepunkt. Die antikommunistische Freiheitsbewegung führte zwar zum Ende des Kommunismus in Osteuropa, löste aber erstmal eine wirtschaftliche Krise aus. Die Inflation wuchs – und mit ihr der Wunsch vieler nach einem besseren Leben. Darunter Maria, Czeslaw und ihre drei Kinder Monika, Marta und Cyprian.

 

Von der Grauzone in die bunte Welt

 

Familie Golebiewski entschied sich zu gehen. Der Impuls sei von Czeslaw gekommen: »Ich hätte noch bleiben können«, sagt Maria augenzwinkernd in Richtung ihres Gatten, »aber meinem Mann war die Krise zu lang und er wollte die Welt sehen.« Zunächst reiste Czeslaw mit seinen Schülern nach Deutschland, Holland, Belgien, Luxemburg. »Als er dann zurückkam, meinte er: ›Wir warten nicht länger, bis der Kommunismus stirbt‹« Für die Einreise in die Bundesrepublik kramte Maria die Familienbücher hervor. Im Gegensatz zu ihr mussten die Behörden sofort erfahren, dass Czeslaw deutscher Herkunft ist. Die Mauer war noch nicht gefallen, die Grenze dicht. »Wir wurden vom Zoll kontrolliert«, erinnert sie.

 

Maria packte die Neugierde nach einer Welt, von der sie nur aus Erzählungen wusste, aus Schulbüchern, aus Lexika. Die sozialistische kommunistische Propaganda hinderte sie daran zu erfahren, was sich wirklich hinter der Mauer abspielte. »Wir kamen aus der Grauzone in eine bunte, kommerzielle Welt. Erst viele Jahre danach haben wir schätzen gelernt, dass die Zeit in Polen, die Freundschaften, auch einen hohen emotionalen Wert hatten.«

 

Durch Zufall nach Moers

 

Das Restaurant Gdańska liegt unmittelbar am Altmarkt in Oberhausen, dem zentralen Platz der Altstadt. Im Sommer nutzen Golebiewskis den Platz für Konzerte; dann floriert die Außengastronomie einmal mehr. Das Ehepaar ist auch deswegen aus Oberhausen nicht wegzudenken, doch seit ihrer Ankunft in Deutschland leben sie außerhalb des Ruhrpotts – im nahegelegenen Moers.

 

»Ich wollte eigentlich nach Kiel oder Hamburg, nach Wiesbaden, dann nach Essen«, sagt der Ozeanograf. Aber in all diesen Städten seien schon zu viele Aussiedler aufgenommen worden. Die Wahl fiel also auf Moers, ein Zufall: »Auf den Bildern war es eine schöne Stadt und weit weg vom Osten«, erzählt Czesław, überzeugt vom Pragmatismus dieser Entscheidung. Schließlich ging es für ihn um mehr als eine bestimmte Stadt. Für ihn bedeutete dieser Schritt heraus aus der »Grauzone«: Freiheit. »Hier kannst du sagen, was du fühlst, kannst deine Ideen umsetzen. Und dabei deine Identität nicht verlieren.« Der 73­-Jährige steht auf und verschwindet um die Ecke zur Spülmaschine. Familienhund Freddie folgt ihm.

 

In Moers bekam die Familie eine Wohnung gestellt und als Akademiker besuchten sie schnell einen guten Deutschkurs, lernten die Sprache binnen zehn Monaten. »Fünf Tage die Woche mehrere Stunden, wie in der Schule«, sagt die Lehrerin. »Wir haben uns wirklich angestrengt. Wir haben das für uns gemacht und für unsere Kinder. Aber denen haben wir erzählt, dass wir nur in den Urlaub fahren. Czeslaw hatte immer diesen Traum: Vielleicht gehen sie ja irgendwann mal nach Cambridge oder Oxford.« Groß zu träumen war in Polen nicht möglich. Hier schon.

 

»Ohne dass wir unsere Identität verleugnen«

 

Kunst ist für die Integration wie die Luft zum Atmen – da ist sich das Ehepaar einig. Und in ihrem Restaurant nehmen Luft und Kunst ungefähr gleich viel Raum ein. Über den Tischen spannen sich Leinen, dicht behangen mit wechselnden Fotografien; von der knallroten Wand blicken Heinrich Heine und Johann Wolfgang von Goethe herab. Der Raum »Sopot« (eine Nachbarstadt von Danzig) gehört ganz den gesammelten Werken des verstorbenen Künstlers und Musikers Walter Kurowski, einem engen Freund von Maria und Czesław. Im Keller des »Hotelik Gdańska« verstecken sich ein kleines Theater und ein Literaturcafé; im großen Saal »Gdynia« zieht die Bühne Blicke auf sich und das Klavier, das Schmetterlinge auslöst. Alles im Gdańska atmet Kunst, atmet Kultur.

 

»Wir sind keine Künstler, keine Musiker, wir sind Vermittler«, erläutert Maria. »Uns war es wichtig, uns zu integrieren, aber auch das Land zu respektieren und zu lernen, dass es Traditionen gibt, denen man sich anpassen muss. Integration, ohne dass wir unser Sein, unsere Identität verleugnen.«

 

Das Restaurant leistet seither einen entscheidenden Beitrag dazu. Zumal Maria lange Zeit auch in Deutschland ihr Geld als Lehrerin verdiente und Czeslaw zunächst als Taxifahrer unterwegs war. »Wie Joschka Fischer«, wirft Czeslaw ein, der gerade wieder aufgetaucht ist und – erneut – erstaunlich schnell in die Geschichte findet. Bis 2005 arbeitete Maria in Duisburg, unterrichtete Chemie, Physik, technische Mathematik, da war das Restaurant schon längst eröffnet. »Du wirst dort nur für die Deutschen putzen, Kind«, habe ihr Vater einmal gesagt. Damit war klar, was er von ihrem Plan auszuwandern hielt. Er wünschte sich mehr für seine Tochter, die Akademikerin, die ihm nur antwortete: »Ich verspreche dir, dass ich einmal eine deutsche Putzfrau habe und dann rufe ich dich an.« Maria lacht. »Einen Monat lang hatten wir eine, aber die konnte nicht putzen. Die besten waren die polnischen Putzfrauen!«

 

»Für ihn war es Liebe auf den ersten Blick«

 

Czesław, getrieben von der neugewonnenen Freiheit im Westen, orientierte sich vor der Jahrtausendwende neu, machte einen Lehrgang zur Existenzgründung. »Ende der Neunzigerjahre waren in Oberhausen die Mieten besonders preiswert, das Centro war bereits eröffnet und Czeslaw kam auf die Idee, dort auch etwas zu eröffnen.« Durch seinen »Tante Emma«­Laden mit slawischen und polnischen Waren samt Bratwurst und Krakauer erweiterte er sein Netzwerk in der Stadt. Bis er eines Tages ein Angebot bekam, das das Leben der Golebiewskis bis heute prägt.

 

»Wo bist du, Maria?« »Im Unterricht, was willst du denn?« »Komm schnell. Komm, wir müssen uns das anschauen. Wir können diese alte Kneipe mit toller Theke am Altmarkt kaufen.« Zu der Zeit stand die Immobilie bereits zwei Jahre lang leer. »Alles war so hässlich«, Maria schüttelt den Kopf. »Dann hab‘ ich ihn gefragt: Willst du das wirklich machen? Aber für ihn war es Liebe auf den ersten Blick.« Drei Monate lang baute das Ehepaar mit Unterstützung von Freunden, »alles Landsleute«, die Kneipe um – 20 Stunden täglich. Bis sie am 1. April 2000 das Gdańska eröffnen konnten.

 

»Wir sind hier zuhause«

 

»Ich bin stolz auf meinen Mann, dass er damals diese Idee hatte«, sagt die 73­-Jährige, die zwar routiniert ihre Geschichte erzählt, sich dann aber doch von den Erinnerungen bewegt zeigt. Auf die große Eröffnung folgte die Ernüchterung: Das Lokal lief schleppend an. Kleine Jazz­-Veranstaltungen, Kabarett, Konzerte, keine Massenveranstaltungen. Nach und nach bewiesen sich die Golebiewskis mit ihrem Gdańska. Das Ehepaar zeigte, dass sie auch intellektuell und kulturell »auf einem guten Level« sind.

 

Das Restaurant nahm an Fahrt auf, brachte sogar Helge Schneider auf die kleine Bühne. »Die Polen haben sich wohlgefühlt, aber auch die Deutschen mit den Polen zusammen«, erzählt Maria stolz. Bis heute hat sich daran nichts geändert. Das Restaurant ist mittlerweile ein Ort für alle, die gute Musik, deftige Küche und Kunst, die allesamt in der Luft liegen, lieben. Maria, Czeslaw und ihre Kinder sind im Ruhrgebiet angekommen. »Wir sind hier zuhause. Und wer meinen Mann fragt, wo er begraben werden will, der bekommt diese Antwort: in Oberhausen.«

 

Bald soll ihr Sohn, Cyprian, das Gdańska weiterführen – wenn alles nach Plan läuft. Und wenn nicht? Dann bleibt von diesem Ort sicher nicht die kaputte Spülmaschine, sondern die vielen Erinnerungen, die kleinen, bunten Schmetterlinge, die Momente, die auf direktem Weg herausführen aus der Grauzone.