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Tanzen im Herzschlag der Heimat

Der Porträtierte Zois Vrettos – von Wilfried Pastors

Zois Vrettos studierte in Bochum Medizin als Sohn eines griechischen Stahlarbeiters. Neben dem Bildungserfolg warb er als tanzender Botschafter für die Kultur seiner Heimat – zur besten deutschen TV-Sendezeit.

 

Dem Menschen Zois Vrettos kann man sich über Google zweispurig annähern. Gibt man nur den Namen ein, stößt man auf die internistische Praxis des Kardiologen. Ergänzt man das Wort »Tanz« in der Suchmaske, erscheinen Bilder eines Griechen aus dem Bilderbuch. Er in der Tracht eines Freiheitskämpfers, neben ihm Frau Despina ebenfalls traditionell gekleidet. Zwei Puzzlesteine aus einem Leben in Deutschland, zu dem sein Vater 1964 die Weichen gestellt hatte, als er sich als Gastarbeiter anwerben ließ.

 

Gemeinsam mit der Mutter zog der jüngere Bruder 1969 nach, Zois folgte 1973. Nach dem Abitur – und ohne jegliche Sprachkenntnisse. »Die ersten Monate waren schwierig«, erinnert sich Vrettos lebhaft. Nachdem er 1974 in Bochum die deutsche Hochschulreife nachgeholt hatte, begann er im Wintersemester 1974/1975 sein Medizinstudium an der Ruhr­-Universität Bochum.

 

»Alle sechs Monate musste ich in der Ausländerbehörde in Köln die Aufenthaltserlaubnis verlängern. Ich musste detaillierte Nachweise vorlegen, dass meine Eltern für mich aufkommen, dass genug Geld da war und ich keine Sozialhilfe in Anspruch nehmen würde.« Damals habe er ernsthaft überlegt, ob es vielleicht ein Riesenfehler war, direkt nach Deutschland zu kommen. Selbstzweifel, die er auch bei anderen griechischen Zuwanderern beobachten konnte.

 

»Es war nicht einfach. Gute Schüler aus Griechenland, die wie ich in Volksschule und Gymnasium top waren, kamen hier nicht weit. Der Wechsel war hart. Manche Freunde haben hier aufgegeben.« Vor allem Sprachprobleme prägten alles. »An der Uni hatte ich massive Barrieren, besonders mit Fachbegriffen in Vorlesungen und Seminaren. Englisch half nicht viel – Deutsch war essenziell für Medizin.« Aber er wollte die Chance nicht aufgeben, als Sohn eines Stahlarbeiters Arzt zu werden. Eine Perspektive, die seine griechische Heimat nicht bieten konnte. »In Griechenland waren Chancen durch wirtschaftliche Krisen begrenzt – gute Abschlüsse führten selten zu Jobs. Hier in Deutschland bot Bildung sozialen Aufstieg: niedrige Studienkosten, bessere Arbeitsmarktchancen.« Die zweite Generation griechischer Migranten habe zu über 80 % höhere Abschlüsse als ihre Eltern, nicht zuletzt dank staatlicher Förderung.

 

Die heutigen Neuankömmlinge profitieren von den Integrationserfahrungen seit der Gastarbeitergeneration: »Frische Migranten aus Italien, Syrien oder Ukraine bekommen heute Sprachkurse, bezahlbare Wohnungen, Amtsunterstützung – alles vom Staat finanziert. Damals gab es nichts, wir mussten das selbst stemmen.« Ein feiner Unterschied zur aktuellen Situation: »Durch das Anwerbeabkommen in den 1960er Jahren fühlten wir uns willkommen.«

 

Integration: Europäer vs. ferne Kulturen

 

Die Migranten jener Zeit hatten europäische Wurzeln. »Zu 99 % waren Klassenkameraden, Studienkollegen oder Sportfreunde Italiener, Türken, Griechen. Bei Muslimen aus dem Osten, dem Maghreb oder Syrien erschweren kulturelle Distanz und religiöse Unterschiede das Einleben.« Aus seiner beobachtenden Lebenserfahrung kommen Menschen mit hoher Qualifikation aus akademischen oder technischen Berufen sehr schnell in Deutschland an. Weniger Qualifizierte würden sich im Integrationsprozess schwertun.

 

Zuzug begrenzen – Lektion Gastarbeiter

 

Vrettos sieht, dass sich Geschichte wiederholt. Ursprünglich hatte die deutsche Regierung die Zahl der angeworbenen Gastarbeiter auf eine Million begrenzen wollen – am Ende kamen fünf Millionen. »Irgendwann muss man Grenzen ziehen, um den sozialen Frieden zu wahren. In Griechenland fordern immer mehr Parteien den sofortigen Einreisestopp für Migranten. Auf einigen Inseln drohen Stadtbild und Kultur zu kippen. Wir sind als Gesellschaft überlastet.« Er weiß um die Polarisierung in der Debatte: »Das muss man sagen dürfen, ohne gleich als Faschist beschimpft zu werden.«

 

Die eigene Biografie macht ihn in diesem Punkt völlig unverdächtig. Wenn in Deutschland in Duisburger Arbeitergegenden auch türkische Wähler der AfD zweistellige Prozentanteile sichern, sei dies ein Alarmsignal. »Sie fühlen sich durch die Neuankömmlinge bedrängt. Die deutsche Gesellschaft hat keine Kapazitäten mehr, das dauerhaft zu managen. Genau wie auf den griechischen Inseln, wo fast täglich Boote mit Hunderten Flüchtlingen ankommen.«

 

Abschiebepraxis: Humaner, aber konsequenter

 

In der aktuellen Integrations-­ und Migrationsdebatte plädiert Vrettos für Pragmatismus, beispielsweise in der Abschiebepolitik. »Es ist hart, Familien auseinanderzureißen. Kinder, die hier Fuß gefasst haben, in die Schule gehen, sollen plötzlich raus? Das traumatisiert. Wenn die Gesellschaft meint, sie passen nicht oder haben kein Asylrecht, dann muss man das von Anfang an entscheiden. Nicht nach Jahren, wenn die Menschen integriert sind.«

 

Kolonialgeschichte und Mittelmeer-­Drama

 

Perspektivisch sei das Migrationsproblem jedoch nur in den Heimatländern der Geflüchteten zu lösen. »Kolonialmächte haben die Regionen arm gemacht, Ressourcen geplündert. Aus Mangel an Perspektiven gehen die Menschen aus Bangladesch oder Nordafrika weg. Wir tragen eine Mitschuld.« Seine dramatische Prognose: Irgendwann kommen größere Schiffe statt der kleinen Boote, die kentern und Menschen ertrinken lassen. 700 Tote gab es allein 2023 vor Griechenland. Europa könne versuchen, sich abzuschotten, »chancenlos bei Millionen Zuwanderern.«

 

Deutsches Gesundheitswesen: Abhängig von Migranten

 

Er plädiert jedoch für eine differenzierte Betrachtung, Deutschland brauche den Zuzug vor allem junger Menschen. »Ohne Zuwanderung bricht unsere Gesellschaft zusammen. Im medizinischen Bereich haben Ärzte und Pflegepersonal zum großen Teil Migrationshintergrund.« Von 400.000 Ärzten in Deutschland sind 60.000 Migranten – ohne sie kollabiert die Versorgung. Auch hier bemüht sich Vrettos um eine komplexe Analyse. »Junge deutsche Ärzte gehen, weil es in Norwegen, England oder der Schweiz bessere Einkunftsmöglichkeiten gibt. Bei deutlich entspannteren Arbeitsbedingungen. Wir hängen am Zuzug.« Gleichzeitig müsse der bürokratische Aufwand reduziert werden, den Ärzte und geschultes Pflegepersonal in Deutschland immer noch zur Anerkennung ihre Abschlüsse leisten müssten.

 

 Volkstanzgruppe: Brücke zur Heimat

 

Kommen wir zurück auf das Ergebnis der zweiten Google­-Suche. Vor mehr als 50 Jahren gründete Zois Vrettos den Volkstanzverein »Apollon«. Weil es kein vergleichbares Angebot gab, er aber unbedingt tanzen wollte. »Ich habe das für mich gebraucht!« Inzwischen ist er mit seiner Gruppe bei rund 1300 Veranstaltungen in Deutschland, Frankreich, den Niederlanden und auch Griechenland aufgetreten, das Ensemble beherrscht bis zu 300 verschiedene Tänze. »Wir waren in bekannten Fernsehsendungen wie ›Mensch Meier‹, ›Die Verflixte 7‹ oder bei Wim Thoelke in ›Der Große Preis‹ zu Gast«, erzählt Vrettos. »Wir waren dabei Botschafter griechischer Kultur. Den Zuschauern hat es Spaß gemacht, wir haben viele Klischees gebrochen.«

 

Identität: Grieche im Herzen, Deutscher im Leben

 

Die Frage von Zugehörigkeit stellt sich für ihn nicht (mehr), er erlebt aktuell einen Alltag ohne Grenzen. »Wir sind öfter auf den griechischen Inseln als unsere Freunde aus Athen. Distanz löst sich auf durch das Internet und preiswerte Flüge.« Sein Vater hatte weder muttersprachliches Fernsehen noch einen Telefonanschluss. Der Grieche in ihm sei spontaner, eine Spur herzlicher vielleicht. Aber er fühlt sich in Deutschland zu Hause und möchte, dass es hier so bleibt. »Wir sollten vor allem Neiddebatten vermeiden. Wenn Menschen, denen es nicht so gut geht, sich durch Zuwanderer bedrängt fühlen, müssen Politiker überzeugende Antworten liefern«, sagt Vrettos. Sonst entstünde der falsche Eindruck, dass ankommende Menschen mehr Hilfen und Unterstützung erhielten. Deutschland sollte die Integrationserfolge feiern, er selbst sei Beleg für diese Geschichte. »Aber wir sollten Limits setzen, Migration gelingt mit Chancen, Regeln und Respekt.« Für ihn ist Europa praktisch eine Nation mit geteilten Werten – »aber Grenzen schützen vor Überlastung!«