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Positive Energie

Ein Rückblick mit Mavis De Vries – von Dr. Tobias Korenke

Wenn Mavis de Vries lacht, dann liegt darin etwas Ansteckendes. Es ist ein helles, offenes Lachen, eines, das Wärme ausstrahlt. Und vielleicht ist es genau diese Wärme, die sie aus Ghana ins Ruhrgebiet mitgebracht hat. Seit 2013 lebt sie mit ihrer Familie in Bochum. Und obwohl ihr Weg hierher nicht immer einfach war, sagt sie ohne Zögern: »Ja, es ist schön hier. Meine Familie und ich sind hier zuhause.«

 

Mavis de Vries wurde in Ghana geboren. Mit 22 Jahren kam sie ins Revier, aus Liebe. Zwei Jahre zuvor hatte sie in Ghana ihren heutigen Mann kennengelernt, einen Bochumer. Beide arbeiteten dort für eine Nichtregierungsorganisation. Dann die Entscheidung für ein gemeinsames Leben in Deutschland. Kurz nach ihrer Ankunft wurde das erste Kind geboren, zwei weitere folgten im Abstand von zwei Jahren. Heute ist Bochum der Lebensmittelpunkt der fünfköpfigen Familie. Vieles schätzt sie am Ruhrgebiet. Die Ruhe. Die Ordnung. Die Sicherheit. Die guten Schulen für ihre Kinder. Die ziemlich hohe Verlässlichkeit des Alltags. »Man kann sich hier gut auf die eigene Persönlichkeit konzentrieren«, sagt sie.

 

»Das Individuum spielt hier eine größere Rolle als die Gemeinschaft. Das hat viele Vorteile.« Besonders liebt sie den Wechsel der Jahreszeiten. »In Ghana ist es immer warm und grün. Hier verändert sich die Natur ständig. Das finde ich wunderschön.« Gleichzeitig trägt sie ihre Herkunft wie eine selbstverständliche Stärke in sich. In Ghana, erzählt sie, sei Gemeinschaft etwas sehr Selbstverständliches. Man unterstütze sich gegenseitig, gehe offen aufeinander zu. Jeder gehöre dazu, ganz unabhängig von Herkunft, Hautfarbe oder sozialer Schicht.

 

Dieses Gefühl von Zugehörigkeit prägt sie bis heute. Sie bringt es mit in ihr Leben im Ruhrgebiet. Hier hat sie sich ein starkes Umfeld aufgebaut. Sie kennt viele Menschen, denen sie vertraut, hat zahlreiche Freundschaften geschlossen. Eine große ghanaische Community im Revier gibt ihr zusätzlichen Halt. Dort wird gelacht, gefeiert, getanzt. »Die Vibes stimmen«, sagt sie. Und auch in ihrem Arbeitsumfeld erlebt sie viel Wertschätzung. Gearbeitet hat sie von Beginn an: zunächst als Dolmetscherin beim Jugendamt, später in der Altenbetreuung, heute als Hauswirtschaftskraft in einer Wohngemeinschaft für Jugendliche in kirchlicher Trägerschaft. »Das läuft sehr gut«, sagt sie. »Die Leute freuen sich, dass ich da bin. Sie essen gern, was ich koche. Wir lachen viel. Es ist wie eine große Familie …«

 

Arbeit bedeutet für sie mehr als Broterwerb. Sie steht für Selbstständigkeit, Würde und Teilhabe. Mavis de Vries möchte gestalten, etwas zur Gemeinschaft beitragen, Verantwortung übernehmen. Und das tut sie. Tag für Tag. Natürlich ist das Ruhrgebiet kein Paradies und es gibt immer wieder auch Schwierigkeiten im Zusammenleben. Als Frau mit dunkler Hautfarbe macht Mavis de Vries Erfahrungen, die ihr zeigen, dass Zugehörigkeit nicht für alle selbstverständlich ist. Manchmal sind es Blicke, manchmal auch Beschimpfungen in der Straßenbahn. Immer wieder das Gefühl, auf Abstand gehalten zu werden. Sie erklärt sich solche Situationen mit Unsicherheit, mit fehlender Bildung, mit der Angst vor dem »Fremden«.

 

»Viele wissen einfach nicht, wie sie kommunizieren sollen«, sagt sie, »und viele wissen einfach nichts über Afrika«. In diesem Zusammenhang beklagt sie auch das Bild, das in den deutschen Medien von afrikanischen Ländern gezeichnet wird. »Immer geht’s um Probleme, nie um das Laben und die Lebensfreude dort. Überhaupt geht’s in den Medien viel zu viel um negative Entwicklungen. Dabei bräuchten wir viel mehr positive Geschichten, die uns Zuversicht geben.«

 

Mavis de Vries differenziert: Es sind nur Einzelne, die sich reserviert oder ablehnend verhalten. Und sie lässt nicht zu, dass diese Erfahrungen ihr Bild vom Ruhrgebiet bestimmen. »Die meisten Menschen hier sind gut, respektvoll und verlässlich«, betont sie. Gute Sprachkenntnisse sind für sie ein wichtiger Integrationsfaktor: »Je besser ich Deutsch konnte, desto mehr gehörte ich dazu.« Ihre Kinder wachsen mehrsprachig auf, mit Deutsch, Englisch und Twi. Eine Selbstverständlichkeit für sie, ein unschätzbarer Reichtum für die Ruhrgebietsgesellschaft.

 

Wie geht sie mit schwierigen Momenten, in denen sie die Ressentiments Einzelner spürt, um? Ihre Antwort kommt ruhig, klar, ja, stolz: »Ich mache mein Ding. Ich warte nicht auf die anderen.« Darin liegt keine Resignation, sondern Entschlossenheit. Sie konzentriert sich auf das, was sie beeinflussen kann: ihre Familie, ihre Arbeit, ihre Haltung. Stärke ist für sie keine Abwehr, sondern eine bewusste Entscheidung.

 

Trotzdem bleibt ihre Sehnsucht nach Ghana lebendig, nach der Natur etwa, mit und in der die Menschen leben – »in Deutschland ist alles ›kultiviert‹, in Ghana leben wir in der natürlichen Natur«. Vor allem aber nach der unmittelbaren Nähe von Familie und Freunden, nach einer Wärme, die nicht nur im Klima liegt. Seit 2013 konnte sie nur wenige Male zurückreisen. Und Besuch ist selten: Auch wenn es in den vergangenen Jahren für Arbeitssuchende leichter geworden ist, ein Visum für Deutschland zu bekommen, ist es immer noch kompliziert, gerade auch für Besucher hierher zu reisen: »Offenbar ist die Angst groß, dass sie dann nicht mehr zurückkehren.« Auch hier also Misstrauen, dieses Mal strukturell verankert.

 

»Irgendwann«, da ist sich Mavis de Vries sicher, »möchte ich wieder nach Ghana zurückkehren.« Schließlich liebt ihr Mann Ghana ebenfalls. Vielleicht zieht die Familie eines Tages dorthin, wenn er nicht mehr arbeiten muss. Vielleicht aber werden die Kinder im Ruhrgebiet bleiben wollen; sie sind hier aufgewachsen, ihre Freunde, ihre Schulen, ihre Erinnerungen sind hier. Die Zukunft ist offen. Mit zwei Heimaten zu leben, heißt auch, mit dieser Offenheit zu leben. Das Ruhrgebiet erzählt sich gern als »Meltingpott«, als Region, in der Herkunft keine entscheidende Rolle spielt.

 

Für die meisten ist es das auch. Für Mavis de Vries ist es ein Ort, an dem sie viel geschaffen hat: eine glückliche Familie, Perspektiven für ihre Kinder, berufliche Erfüllung, Freundschaften. Und zugleich ist es ein Ort, der sich für sie weiter entwickeln kann, in Offenheit, in Herzlichkeit, in selbstverständlicher Begegnung. »Ein bisschen mehr Warmherzigkeit und Offenheit«, wünscht sie sich. Ein einfaches »Hallo« auf der Straße. Gesten, die Nähe schaffen. Manchmal auch mehr Ehrlichkeit und Direktheit im Umgang. »Wir könnten hier viel positiver miteinander umgehen«, sagt sie und lacht.

 

Menschen wie Mavis de Vries prägen das Ruhrgebiet längst mit. Durch ihre Arbeit, ihre Mehrsprachigkeit, ihre Erfahrungen, ihren weiten Horizont, ihr Lachen. Integration ist für sie kein Schlagwort, sondern gelebter Alltag. Vielleicht zeigt ihre Geschichte vor allem eines: Das Revier ist dann am stärksten, wenn es diese Geschichten nicht nur erzählt, sondern als Teil seiner eigenen begreift. Das Ruhrgebiet ist zu Recht stolz auf seine Geschichte der Zuwanderung. Doch diese Geschichte ist nicht abgeschlossen. Sie schreibt sich weiter, auch durch Menschen wie Mavis de Vries.

 

So verständlich ihr Wunsch nach Rückkehr in die ghanaische Heimat ist, man wünscht sich sehr, dass sie bleibt. Auch, weil es dem Ruhrgebiet guttut, wenn mehr Menschen mit so einer positiven Energie, mit dieser Stärke und mit diesen tiefen und weiten Erfahrungen und Perspektiven hier leben und wirken. Dafür müsste hier aber mehr gelten als der Mythos vom »Meltingpott«, nämlich die selbstverständliche Anerkennung aller von allen, unabhängig von Hautfarbe und Herkunft. Mavis de Fries‘ Geschichte ist eine Geschichte der Stärke und der Resilienz, des Aufbaus, des Lernens, der Geduld. Sie erzählt von einer Frau, die in zwei Kulturen zuhause ist und beide als Reichtum begreift. Die Herausforderungen kennt, aber sich nicht von ihnen definieren lässt. Was für ein Schatz für das Ruhrgebiet! Und ihr Lachen? Es klingt wie ein Versprechen, dass Zugehörigkeit wachsen kann. Wenn man bereit ist, einander wirklich zu begegnen.