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Kritisch aus Liebe

Die Story von Sinan Sat – von Dr. Tobias Korenke

Seine journalistische Stimme gehört zu den markantesten im Ruhrgebiet. Als WAZ­-Lokalchef in Gelsenkirchen schreibt Sinan Sat mit größtmöglicher Offenheit, Klarheit und Schärfe über die Entwicklungen in einer Stadt, in der sich die Herausforderungen des Ruhrgebiets – ja, wahrscheinlich auch des ganzen Landes – besonders verdichten. Schnörkellos, direkt und immer auf den Punkt, manche sagen auch in »typischer Ruhrmanier«, berichtet und kommentiert er, ordnet ein und erklärt. Und das auf allen Kanälen: in der Print-­Ausgabe der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung und in ihren digitalen Angeboten, in den Sozialen Medien oder in seinem überaus beliebten Schalke­Talk auf YouTube.

 

Dabei ist es gleich, ob es um den Eventhype, in der angesichts des Konzertmarathons von Taylor Swift zu »Swiftkirchen« umgetauften Stadt geht, um eine unvergessliche Aufführung im Musiktheater im Revier, das Stadtfest in der Innenstadt oder um den Aufstieg der AfD, einen Sparkassenraub, das Problem der Schrottimmobilien in zentralen Quartieren oder das dramatische Auf und Ab der »Königsblauen«: Sinan Sat und seine Redaktion begleiten das Leben in Gelsenkirchen stets kritisch, aber immer auch getragen von einer tiefen Zuneigung. Lokalpatriotismus, das Lebenselixier des Lokaljournalismus, hat Sinan Sat seit frühester Kindheit inhaliert. »Ich liebe diese Stadt«, sagt der Journalist, »und weil ich sie liebe, bin ich auch besonders kritisch bei den Dingen, die hier nicht so gut laufen. Und davon gibt es natürlich einige, die müssen wir benennen.«

 

Seit einiger Zeit sind Sinan Sats Einschätzungen auch immer häufiger über das Ruhrgebiet hinaus zu vernehmen; er ist zu einer unüberhörbaren Stimme aus dem Revier geworden. Große Resonanz fanden etwa seine Bemerkungen zur von Bundeskanzler Friedrich Merz angestoßenen Stadtbild­Debatte, die in allen Zeitungstiteln der FUNKE­-Mediengruppe veröffentlicht wurden. Er fühle sich von den Aussagen des Kanzlers nicht angesprochen, sagt der Deutsche mit türkischen Wurzeln. »Ich trete in der Öffentlichkeit aber auch nicht so auf, dass sich Menschen in meiner Anwesenheit unwohl oder gar verängstigt fühlen müssten.«

 

Sat kritisiert, dass Merz in seinen Aussagen zunächst schwammig und unpräzise geblieben sei – »das ist des Amtes nicht würdig«. Zugleich betont er jedoch, das vom Kanzler thematisierte Unbehagen sei real. »Es äußert sich etwa darin, dass ein junges Mädchen im Gelsenkirchener Stadtteil Ückendorf nur äußerst ungern allein zum nahegelegenen Supermarkt geht. Zu oft hat der Teenager anzügliche Sprüche und unangenehme Situationen erlebt, wenn dort schon kleine Jungs und junge Männer mit Migrationshintergrund in großen Gruppen zusammenstehen und sich aufführen, als gehöre ihnen die Straße.«

 

Viele Tausend Male aufgerufen wurde, um ein weiteres Beispiel zu nennen, Sats Instagram­-Post zur NRW­-Kommunalwahl 2025. Hier analysiert er nüchtern den dramatischen Aufstieg der AfD in der einstigen SPD­-Hochburg. »So lebenswert und liebenswert Gelsenkirchen auch ist, steht die Stadt vor enormen Herausforderungen«, stellt er fest und fährt fort: »Dass die AfD in Gelsenkirchen so stark geworden ist, liegt nicht zuletzt daran, dass viele andere Parteien die Probleme in den letzten Jahren nicht so gern beim Namen genannt haben. Dabei weiß jeder, dass es hauptsächlich um die Armutsmigration aus Südosteuropa geht.«

 

Starke, ungefilterte Worte, die man zu Migrationsthemen eher selten in deutschen Medien findet. Für Sinan Sat ist es ein selbstverständlicher journalistischer Auftrag, auch unbequeme Wahrheiten zu benennen. Dabei nutzt er sehr bewusst seine eigene Migrationsgeschichte: »Ich kann etwa zur Armutsmigration sagen, was gesagt werden muss, ohne gleich als ausländerfeindlich oder rassistisch abgestempelt zu werden.«

 

Sinan Sats Migrationsgeschichte beginnt vor gut vierzig Jahren. Seine Mutter, die aus dem Südosten der Türkei stammt, kam bereits als Teenager nach Deutschland, zunächst nach Süddeutschland, wo sie ein neues, besseres Leben suchte. Eine starke Persönlichkeit, die ein aufgeklärtes, eher distanziertes Verhältnis zum Islam hatte und zeitweise in einem Kloster unter Nonnen lebte. Sie machte Fachabitur, ließ sich erfolgreich zur Arzthelferin ausbilden und zog schließlich ins Ruhrgebiet. Während einer Rucksackreise in Griechenland traf sie auf einen Mann, der aus politischen Gründen aus der Türkei geflohen war. Die beiden verliebten sich – und sie war es, die ihn nach Deutschland holte, nach Gelsenkirchen natürlich. Dort heirateten sie und gründeten eine Familie.

 

1987 wurde Sinan in Gelsenkirchen geboren, vier Jahre später seine Schwester Deniz. Wer Sinan heute über seine Mutter reden hört, wundert sich nicht, dass die Kinder ihren Nachnamen tragen. Sie ist der Anker der Familie, hält alles zusammen. Sie hat immer hart gearbeitet, war nach ihrer Zeit als Arzthelferin als Altenpflegerin tätig und ist auch heute noch als Hilfskraft für eine Apotheke im Einsatz. Sinans Vater machte sich 1992 mit einem eigenen Obst­ und Gemüsegeschäft selbstständig. Über ein Jahrzehnt lief es gut, dann wurde die Konkurrenz der großen Discounter zu stark und er musste den Laden schließen. Eine Zeit lang verdiente er sein Geld als Putzkraft, später ging er in den Vorruhestand. »Von staatlichen Transferleistungen hat meine Familie nie gelebt«, darauf legt Sinan Sat Wert. »Meine Mutter sorgt bis heute für meinen Vater.«

 

Spricht man Sinan Sat auf seine Kindheit an, bekommt er leuchtende Augen. Es war ganz offensichtlich eine glückliche Kindheit. Seine Eltern bauten ein Zuhause voller Wärme, Liebe und Geborgenheit – und das in einem »durchmischten« Viertel, in dem Deutsche und Zugewanderte selbstverständlich zusammenlebten. Der kleine Sinan begleitete seine Mutter häufig in die Arztpraxis. Hier lernte er Margrit kennen. Ihre eigenen Kinder waren bereits aus dem Haus und sie bot an, sich um Sinan zu kümmern, wenn die Eltern auf der Arbeit waren. Sinan verbrachte viele Nachmittage bei ihr. Sie wurde so etwas wie eine deutsche Ziehmutter für ihn. »Dass ich die deutsche Kultur so gut kenne, diesen Way of Life, und ich mich vor allem im Deutschen so gut ausdrücken kann, hat auch viel mit Margrit zu tun«, sagt er. »Ich habe ihr sehr viel zu verdanken.« Hervorragendes Türkisch lernte er natürlich zu Hause, aber auch auf seinem Gymnasium, das als erste Schule in NRW Türkisch als Schulfach anbot.

 

Zu Sinans Glück gehört auch sein großes Talent zum Netzwerken und zur Freundschaft. Sein breit gefächerter Freundeskreis wirkte lange wie ein Schutzraum gegen Ressentiments und Diskriminierung, die ihn zwar nicht ständig, aber doch gelegentlich trafen. »Aufgrund meiner Herkunft kam ich in manchen Clubs im Ruhrgebiet nicht rein«, erzählt Sinan – und seine Stimme verrät die Verletzung, »aber dann haben wir eben bei irgendwem zu Hause eine Küchenparty gefeiert.« Besonders prägend war natürlich die Begegnung mit Tanja, die er im Alter von 15 Jahren kennenlernte. Sie ist ein Jahr jünger, wurde bald seine feste Freundin und ist heute seine Frau. »Seitdem ist sie immer da«, sagt Sat. »Und dann ist es einem irgendwann völlig egal, was andere über einen denken.« Wenn es denn überhaupt für Sinan nötig war, sich irgendwie in die sogenannte Mehrheitsgesellschaft zu integrieren, mit Tanja war es leicht.

 

Nach Abitur und Zivildienst plante Sinan Sat zunächst ein Studium der Politikwissenschaft an der Universität Duisburg. Doch vorher absolvierte er ein Praktikum bei der WAZ in Duisburg – und war sofort verloren. Der Journalismus wurde seine große Leidenschaft. »Ich habe deutlich mehr Zeit in der Redaktion als auf dem Campus verbracht«, erinnert er sich. »Das war einfach mein Ding.« Nach mehreren Jahren als freier Mitarbeiter in Duisburg absolvierte Sinan Sat ein Volontariat und wechselte dann als Redakteur von lokaler Online­-Redaktion zu lokaler Online­-Redaktion – stets innerhalb der WAZ. Überall begegnete er starken Persönlichkeiten, die in förderten und Vorbild für ihn wurden.

 

Vor fünf Jahren dann wurde er endlich Redaktionsleiter in seiner Heimatstadt Gelsenkirchen. Hier ist er geboren, hier hat er immer gelebt, kennt jeden Winkel, trägt unzählige Erinnerungen in sich. In Gelsenkirchen leben seine Eltern und seine Schwester, hier hat er seine eigene Familie gegründet. Vor sechs beziehungsweise sieben Jahren wurden seine beiden Söhne geboren. Und hier spielt Schalke, sein Herzensverein – für ihn eine soziale Klammer, in der alle gleich sind, unabhängig von Herkunft oder Lebensweg. »In der Arena gibt es keine ›Gastfans‹«, sagt er. »Hier halten wir alle zu unserem Verein. Hier sind wir alle Schalker« – DIE Institution in der Stadt, die soviel mehr bietet als gute oder auch nicht so gute Fußballspiele: Gesellschaft, Solidarität, Zugehörigkeit, Heimat.

 

Was für ihn Heimat ausmacht? »Es klingt vielleicht banal«, sagt Sinan Sat, »aber es sind die Menschen hier in Gelsenkirchen. Sie sind ehrlich und unverstellt, klar und direkt.« Genauso, wie er selbst. Und sein größter Traum für die Zukunft? Dass seine Söhne hier so aufwachsen können wie er selbst es konnte: mit Perspektiven, mit Chancen, mit der Möglichkeit, eines Tages eigene Familien zu gründen. »Manchmal bin ich skeptisch«, sagt er nachdenklich, »weil vieles hier in die falsche Richtung läuft. Aber das Ruhrgebiet hat sich immer wieder neu erfunden – und das wird auch diesmal gelingen.« So viel steht fest: Sinan Sat wird den Weg seiner Heimatstadt weiterhin journalistisch begleiten, selbst wenn seine Karriere ihn noch an andere Orte führt. Er ist ja noch jung. Immer wird er aber auch für die Zukunft Gelsenkirchens kämpfen. Es ist seine Heimat – und er behandelt sie so, wie man das nur aus Liebe kann: kritisch, verantwortlich und, ja, durchaus auch zärtlich.