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Kein Problem mit Polenwitzen

Ein Rückblick mit Lukasz Piotrowski – von Wilfried Pastors

Politische Verfolgung löste den Umzug der Familie aus Polen aus. Deshalb sieht sich Lukasz Piotrowski nicht als klassischer Arbeitsmigrant. Obwohl er die gleichen Hindernisse in Schule und Studium überwinden musste.

 

Lukasz Piotrowski fühlt sich eigentlich im falschen Film. In der Draufsicht wirkt die Zuwanderungsgeschichte seiner Familie wie eine klassische Arbeitsmigranten-­Biografie der 1980er Jahre. Aber der Umzug von Polen nach Deutschland hat komplexere Motive. »Meine Eltern waren keine klassischen Arbeitsmigranten«, sagt der Urologe aus Gelsenkirchen. »Mein Vater war Tierarzt, meine Mutter Juristin, beide mitten in ihren Berufen. Aber die politische Lage in Polen war damals angespannt. Mein Vater war in der Solidarność aktiv und irgendwann war klar: Es geht hier nicht mehr.«

 

1985 verließ die Familie Polen. Sie kam in Recklinghausen an – mittendrin in der großen Ausreisewelle jener Jahre, als viele Polen wegen wirtschaftlicher Not oder politischer Verfolgung nach Westen strebten. »Ich war 13, fast 14, und konnte kein Wort Deutsch. Wirklich gar nichts außer ›Ja‹ und ›Nein‹.« Schule bedeutete einen Sprung ins kalte Wasser. »Ich kam direkt aufs Gymnasium, wurde zunächst als Gastschüler aufgenommen und musste ein Jahr wiederholen. Eine Lehrerin hat sich unheimlich engagiert. Ich hatte zusätzlich Sprachkurse, und nach einem halben Jahr konnte ich mich schon verständigen. Mathe und Physik waren Fächer, in denen Sprache eine kleinere Rolle spielte, da habe ich schnell mitgehalten.«

 

Vom Wiederholer zum Medizinstudenten

 

Piotrowski machte 1992 Abitur, sieben Jahre nach der Ankunft. »Da war die Sprache längst keine Hürde mehr.« Über die damalige Zentrale Vergabestelle (ZVS) bekam er nach einem Jahr Wartezeit einen Medizinstudienplatz in Bochum. »Mein Abi war ordentlich, aber nicht überragend. Dafür war mein Medizinertest sehr gut, und das hat mich reingebracht.«

 

Der Berufswunsch stand früh fest. »Ich wollte immer Arzt werden, das war kein Impuls, der durch meinen Vater kam. Ich hatte schon als Kind den Wunsch, Menschen zu helfen, wissenschaftlich zu arbeiten – Medizin war für mich der logischste Weg.« Er absolvierte Studium und Facharztausbildung komplett in Deutschland. »Ich hatte im Prinzip einen ganz normalen deutschen Bildungs­- und Berufsweg.« Inzwischen arbeitet er seit Jahrzehnten als Arzt in Gelsenkirchen – in einer Stadt, die selbst wie ein Brennglas den Blick auf Integration und Migration verstärkt.

 

Immer einen Polenwitz parat

 

Auf die Frage nach Diskriminierung zuckt Piotrowski (55) mit den Schultern. »Ich habe nie offene Feindseligkeit erlebt, aber natürlich gab es Momente, die hängenbleiben.« Einmal wurde ihm ein Ferienjob verweigert – freundlich, aber eindeutig: »Der Chef sagte, seine Kunden wollten lieber jemanden, der ›richtig‹ Deutsch spricht. Ich hatte eben Akzent. Das hat wehgetan, aber ich habe es auch nicht überbewertet.«

 

Offene Feindseligkeit? Eher Alltagsrassismus im Kleinen. »In den Achtzigern gab es viele Polenwitze. Die Leute haben das oft gar nicht böse gemeint. Ich habe die Witze gekontert – mit noch einem Witz, aber über mich. Das nahm die Spannung raus. Ich wollte nie Opfer sein.« Er erinnert sich an seine Schulzeit mit Dankbarkeit. »Ich war im Sportverein, hatte Freunde, war voll integriert. Vielleicht hatte ich Glück. Aber ich glaube, Offenheit zieht Offenheit an.«

 

»Ich bin Pole – und Deutscher«

 

Ob er sich heute mehr als Pole oder als Deutscher fühle, beantwortet er nach kurzem Zögern: »Beides. Ich bin in Polen geboren, aber ich lebe seit 40 Jahren hier. Ich spreche Hochdeutsch, habe hier studiert, arbeite hier, meine Kinder sind hier geboren. Gleichzeitig vergesse ich Polen nicht. Das ist kein Widerspruch.« Mit einem Schmunzeln: »Meine Kinder sprechen allerdings kein Polnisch. Sie haben eine deutsche Mutter. Und für sie ist Polen eher ein Land aus Erzählungen.« Dass er selbst sich völlig akzeptiert fühlt, betont er mehrfach: »Ich glaube, ich bin angekommen. In meinem Umfeld spielt Herkunft keine Rolle – weder meine noch die anderer.«

 

Multikulturelles Leben als Selbstverständlichkeit

 

Sein Freundeskreis liest sich wie ein Ausschnitt aus moderner Stadtgesellschaft: Deutsche, Türken, Italiener, Syrer, Griechen, Polen. »Ich glaube, Gelsenkirchen ist genau das: ein Spiegel, wie Integration im Alltag funktioniert. Wir feiern zusammen, treiben Sport, besuchen uns. Herkunft ist nebensächlich.« Wenn man in dieser Runde über Migration spricht, dann über aktuelle Ereignisse, selten über die eigene Geschichte. »Natürlich reden wir über Politik, über das, was in Syrien passiert oder in Polen oder Deutschland. Aber es ist kein Dauerthema. Wir leben miteinander – nicht nebeneinander.

 

Kinder und Identität

 

Seine drei Kinder wachsen selbstverständlich deutsch auf. »Ich habe ihnen nie Polnisch beigebracht. Es ergab sich einfach nicht. Aber sie wissen, wo ihre Wurzeln sind – und sie sind stolz darauf, ohne dass es ein großes Thema wäre.« Er erlebt ihren Schulalltag als positiv. »Da gibt’s alles: Kinder aus türkischen, rumänischen, italienischen, arabischen Familien – und das funktioniert einfach. Die treffen sich, spielen Fußball, im Verein, gehen gemeinsam Eis essen. Migration ist da kein Unterscheidungsmerkmal.«

 

Eine kleine Anekdote erzählt er mit Lachen: »Als die Debatte um ›Remigration‹ aufkam, fragte mich mein Sohn ganz ernst: ›Papa, musst du dann auch zurück nach Polen? Du bist ja nicht hier geboren.‹ Das war natürlich ein Scherz, aber zeigt, wie absurd manche politische Rhetorik wirkt.«

 

Über Differenzierung und heutige Migration

 

Das Thema Migration beschäftigt ihn auch professionell. Viele seiner Patienten stammen aus Einwandererfamilien. »Ich sehe alles: Menschen, die voller Energie neu anfangen – und andere, die sich schwertun. Wichtig sind Sprache und Arbeit. Wer Sprache lernt, wer sich bemüht, der schafft es.« Aber er verlangt realistische Sichtweisen: »Man muss differenzieren. Ein syrischer Flüchtling, der vor Krieg flieht, ist etwas anderes als ein Wirtschaftsflüchtling, der nur auf Unterstützungsleistungen hofft. Leider wird beides in der öffentlichen Diskussion ständig vermischt.« Er spricht offen an, dass es auch Missbrauch gibt. »Ja, natürlich. Wir sehen in Gelsenkirchen die Probleme: Sozialleistungsmissbrauch, fehlende Integration, schlechte Wohnverhältnisse. Aber das betrifft eine Minderheit. Wenn man dann sagt, alle Flüchtlinge seien so, ist das falsch und gefährlich.«

 

Auch mit seinem Vater spricht Piotrowski noch oft über Migration. »Er war Tierarzt, aber als wir kamen, durfte er nicht arbeiten. Zwei Jahre lang galt er als Asylbewerber, bis sein Antrag als politischer Flüchtling anerkannt wurde. Erst danach konnte er wieder in seinem Beruf arbeiten. In der Zeit hat er sich verändert – wurde noch genauer, noch deutscher, wenn Sie so wollen.«

 

Rechtspopulismus in Polen und Europa

 

Wenn die Rede auf die politische Entwicklung in Polen kommt, wird Piotrowski ernst. »Polen ist ein stolzes Land. Patriotismus gehört zum Selbstverständnis. Aber Patriotismus kann kippen, wenn Politik Menschen Angst macht. Viele Polen, die wirtschaftlich nicht profitiert haben, fühlen sich zurückgelassen. Das ist der Nährboden für nationalistische Bewegungen.« Dieselbe Dynamik, sagt er, sehe er in vielen europäischen Staaten. »In Deutschland, in der Schweiz, in den Niederlanden, in Österreich. Überall die gleiche Struktur: Menschen haben reale Sorgen – hohe Mieten, teure Energie, überlastete Schulen – und bekommen einfache Antworten von Populisten. ›Die Ausländer sind schuld‹ oder ›die EU ruiniert uns‹. Das zieht, weil es simpel klingt.«

 

Er fasst zusammen: »Wir sehen eine Krise der Mitte. Die Menschen verlieren das Vertrauen, weil die etablierten Parteien keine Lösungen mehr präsentieren. Populisten füllen das Vakuum.«

 

»Wir sind privilegiert – und tragen Verantwortung«

 

Lukasz Piotrowski weiß, dass er zu einer privilegierten Gruppe gehört – gut ausgebildet, sozial abgesichert, gesellschaftlich anerkannt. »Ich habe hier alles: Arbeit, Freunde, Ansehen. Ich wurde aufgenommen, wie ich bin. Deswegen kann ich auch nicht pauschal gegen Zuwanderung sein. Aber ich sehe, dass die Realität komplex ist und oft schief dargestellt wird.« Er fordert Rationalität. »Nicht jeder, der Zuwanderung kritisch sieht, ist fremdenfeindlich. Aber wer Probleme sieht, muss bereit sein, sie nüchtern zu benennen – statt ganze Gruppen zu verurteilen.«

 

Auch in seinem Bekanntenkreis führt dieses Thema zu Diskussionen. »Manche meiner Freunde mit türkischen, griechischen oder polnischen Wurzeln sind bei aktuellen Zuwanderungswellen erstaunlich kritisch. Sie sagen: ›Wir mussten kämpfen, Sprache lernen, arbeiten – warum erwarten andere sofort Hilfe?‹ Ich verstehe das. Aber ich versuche immer, Realität und Überforderung auseinanderzuhalten.«

 

Über politische Entfremdung

 

Die Entwicklung in Deutschland beobachtet er in Teilen mit Skepsis. »Ich höre immer öfter Sätze wie: ›Vielleicht sollte man der AfD mal eine Chance geben.‹ Das macht mir Sorgen. Nicht, weil alle plötzlich rechts wären, sondern weil sie sich nicht mehr von den etablierten Parteien gehört fühlen.« Er sieht die Ursachen in vielen politischen Entscheidungen, die blieben zu abstrakt, zu bürokratisch. Menschen merkten nichts davon in ihrem Alltag. Wenn dann noch soziale Medien Empörung verstärkten, entstehe das Gefühl »Die da oben kümmern sich nicht«.

 

Stadt im Wandel – Gelsenkirchen als Brennspiegel

 

Als jemand, der seit Jahrzehnten in Gelsenkir­chen lebt, kennt Piotrowski die Veränderungen. »Ich erinnere mich an die Kurt -Schumacher-Straße in den Achtzigern: eine lebendige Einkaufsstraße, Obststände, kleine Läden. Heute ist vieles verbarrikadiert, leer, vermüllt. Das macht traurig.« Gleichzeitig lobt er die kommunalen Initiati­ven. Die Stadt kaufe Schrottimmobilien zurück, saniere oder reiße ab, bekämpfte Wohnraum­spekulation. »Das ist ein Kraftakt, aber es ist der richtige Weg.«

 

Zwischen Realität und Hoffnung

 

Trotz kritischer Beobachtung und Analyse bleibt Piotrowski optimistisch. »Ich sehe vieles nicht so düster, wie es in den Medien oft klingt. In meinem Alltag funktioniert das Miteinander. Ich arbeite mit Menschen unterschiedlichster Herkunft und wir kommen klar. Das ist die Realität.«

 

Medial entstünden oft verzerrte Bilder. »Konflikte sind interessanter als Normalität. Aber die Normalität ist, dass Integration meistens funk­tioniert – weil viele Menschen dafür sorgen, Tag für Tag.« »Ich bin hier angekommen«, sagt er zum Schluss. »Nicht allein, weil ich mich angepasst habe, sondern weil ich so akzeptiert wurde, wie ich bin. Und vielleicht ist genau das das Geheimnis jeder gelungenen Migration.«