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»Heimat stiften Mitmenschen und gemeinsame Werte«

Die Geschichte von Milica Zajac – von Wilfried Pastors

Milica Zajac kam als Siebenjährige mit ihrer Mutter aus Serbien nach Dinslaken. Ohne Deutschkenntnisse startete sie eine erfolgreiche Bildungslaufbahn. Heute hilft sie Jugendlichen, ihre Stärken zu erkennen und zu entwickeln.

 

Wenn Milica Zajac über ihre Kindheit spricht, schwingt Wehmut mit, etwas Heimweh vielleicht, aber erkennbar auch Stolz. »Ich war sieben Jahre alt, als ich erfuhr, dass wir nach Deutschland gehen«, sagt sie. Geboren im damaligen Jugoslawien, aufgewachsen in Serbien, verlässt sie Ende der 1990er Jahre mit ihrer Mutter das Land, um in Deutschland ein neues Leben zu beginnen. Die Entscheidung fiel in einer Zeit, in der in ihrer Heimat Unruhen herrschten und viele Familien kaum eine Perspektive hatten.

 

Ihr Stiefvater, ein Deutscher, hatte ihre Mutter während eines Urlaubs kennengelernt. Nach einer Weile Fernbeziehung war klar: Wenn sie zusammenleben wollten, dann in Deutschland. Der Start ins neue Leben über Umwege, rückblickend symbolisch für das, was später folgte. In einem schneereichen Winter gings nach Deutschland – in einen kleinen Bus gedrängt, tagelang unterwegs, die Straßen verschneit und die Grenzen überfüllt. »Bis heute fühle ich mich an Grenzübergängen unwohl, man ist diesem Machtgefälle ausgeliefert.« In Deutschland angekommen wartete nach den Winterferien direkt die Schule.

 

Ein neuer Anfang – zunächst wortlos

 

Deutsch konnte sie nicht, ihre Mutter, die selbst nur gebrochen Deutsch sprach, konnte kaum helfen. Die ersten Wochen waren geprägt von Hilflosigkeit, Einsamkeit und gelegentlichen Tränen. Doch dann kam Frau Hollstegge – die Grundschullehrerin in Dinslaken erkannte das Potenzial des stillen Mädchens mit der großen Neugier. »Sie hat mich im Unterricht unterstützt, mich gefördert, mir Bücher gegeben«, erzählt Zajac. »Ich durfte in den Fächern, in denen ich nicht sprechen musste, schon mitmachen, und habe so langsam die Sprache gelernt.«

 

Besonders in Mathematik fiel das Mitmachen ohne Sprach ­kenntnisse leichter, da sie bereits einiges aus der Schulzeit in Serbien anwenden konnte. Zu Hause half der Stiefvater: Er hielt Gegenstände hoch und fragte, wie sie hießen. Schritt für Schritt lernte sie Deutsch. Die Lehrerin blieb über Jahre ein wichtiger Mensch in ihrem Leben. »Sie war die Person, die mich unterstützt und gefördert hat – mein erster Talentscout«, sagt Zajac heute. Es war auch Frau Hollstegge, die ihren Eltern riet, Milica auf das Gymnasium zu schicken, obwohl sie selbst daran zweifelten, sie dort ausreichend begleiten zu können.

 

Bildung als Aufstieg

 

Der Schritt aufs Gymnasium war keine Selbstverständlichkeit. Ihre Eltern hatten beide einfache Schulabschlüsse, der Vater arbeitete als Bergmann, die Mutter hatte zunächst keine Arbeitserlaubnis, später arbeitete sie in der Gastronomie. »Bildung war ihnen zwar wichtig, aber sie konnten mich nicht wirklich unterstützen oder fördern«, erinnert sich Milica Zajac. »Da war niemand, der mir erklären konnte, wie man richtig lernt. Ich war oft überfordert und mir fehlten damals so selbstverständliche Dinge wie ein Computer, mit dem ich zum Beispiel für die Schülerzeitung recherchieren konnte.«

 

Die ersten Dreien in Klassenarbeiten waren für das ehrgeizige Mädchen ein Schock. »Ich habe an mir gezweifelt«, sagt sie heute. »Gehöre ich hierher? Bin ich gut genug? Schaffe ich überhaupt mein Abitur? Gleichzeitig war Aufgeben keine Option, also machte ich weiter.« In der Oberstufe fand sie ihren Rhythmus, schloss schließlich mit einem guten Zweier ­Abitur ab. Der Weg war frei – und gleichzeitig unklar. »Ich wusste nicht, wie es weitergeht. Niemand aus meinem Umfeld hatte Abitur oder studiert, niemand konnte mir erklären, welche Möglichkeiten es gibt. Von der Berufsberaterin, zu der ich voller Hoffnung ging, hörte ich nur ›Machen Sie lieber eine Ausbildung, mit ihrem Abitur wird der Zugang zum Pädagogik-­Studium schwer‹.«

 

Erst ihr damaliger Freund, heute ihr Mann, brachte sie dazu, über ein Studium nachzudenken. Sie fürchtete Schulden, wollte kein BAföG beantragen – wenig Geld und das Misstrauen gegenüber finanziellen Risiken waren Alltag. Erst nach langen Gesprächen und Berechnungen ließ sie sich überzeugen. Sie suchte Studiengänge, die zu ihr passten, und entschied sich für Erziehungswissenschaft in Dortmund – eine Mischung aus Soziologie, Pädagogik und Psychologie. »Ich wusste nur: Ich will mit Menschen arbeiten. Ich will etwas Sinnvolles tun.«

 

Der Kreis schließt sich

 

Heute sitzt Milica Zajac auf der anderen Seite des Bildungssystems. Sie arbeitet als Talentscout im Bergischen Land. Ein Beruf, den es erst seit einigen Jahren gibt und der Jugendlichen helfen soll, ihren Weg nach der Schule zu finden. Zajac begleitet vor allem Schülerinnen und Schüler, die, wie sie selbst, aus Familien ohne akademischen Hintergrund stammen und denen viele Möglichkeiten des Bildungssystems fern sind.

 

Einmal im Monat besucht sie Schulen, führt Einzelgespräche mit Jugendlichen, hilft bei Bewerbungen, Stipendien oder der Studien­ und Berufswahl. »Ich unterstütze sie, ihre Stärken und Interessen zu erkennen«, sagt sie. »Manchmal fehlt diesen jungen Menschen einfach jemand, der sagt: Du kannst das. Du bist gut genug.« Es geht dabei nicht immer nur um eine akademische Perspektive. »Ziel ist, dass die Schülerinnen und Schüler den Weg gehen, der ihren Stärken entspricht«.

 

In ihrer Arbeit entdeckt sie regelmäßig Parallelen zu ihrer eigenen Geschichte. Viele ihrer Schützlinge übernehmen in ihren Familien Verantwortung: Sie übersetzen für Eltern, begleiten sie zu Ärzten oder Behörden, regeln offizielle Dinge, die eigentlich eine Aufgabe erwachsener Personen ist. »Da sehe ich mich selbst«, sagt sie. »Ich war auch das Kind, das Formulare ausgefüllt oder Bewerbungen für die Mutter geschrieben hat und zum Übersetzen mit zu Arztbesuchen ging.«

 

Die Geschichten ihrer Talente sind vielfältig – vom Geflüchteten, der innerhalb von drei Jahren ein nahezu akzentfreies Deutsch spricht, bis zur Schülerin, die trotz Traumata und Kriegserlebnis ein Einser-­Abitur macht. »Diese Jugendlichen leisten unglaublich viel, oft unsichtbar«, betont Zajac. »Sie tragen ihre Familie mit – und gleichzeitig sollen sie funktionieren, gute Noten schreiben, sich beruflich orientieren.«

 

Zwischen zwei Welten

 

Wenn sie von ihrer Herkunft spricht, beschreibt sie sich als jemand, der in zwei Kulturen zu Hause ist – und doch in keiner ganz. »In Serbien bin ich die Deutsche, in Deutschland bin ich die, die aus Osteuropa kommt«, sagt sie. »Aber ich habe gelernt, das als Stärke zu sehen. Ich nehme das Beste aus beiden Welten.« Typisch deutsch sei ihre Ordnungsliebe, das strukturierte Denken, die klare Planung. Typisch serbisch dagegen ihre Offenheit, Herzlichkeit und Gastfreundschaft. »Wenn Freunde kommen, muss immer etwas zu essen und zu trinken auf dem Tisch stehen.«

 

Den Begriff »Heimat« verwendet sie vorsichtig. Deutschland ist für sie ein Zuhause, weil sie hier Chancen bekam. Aber Heimat – das ist für sie dort, wo sie Menschen findet, die ihre Werte teilen: Toleranz, Offenheit, Gerechtigkeit. »Ich glaube, ich könnte auch in einem anderen Land eine Heimat finden«, sagt sie. »Weil es für mich um Haltungen und Menschlichkeit geht, nicht um Grenzen!«

 

Sorge um das Heute

 

Doch so gefestigt sie heute wirkt, begleitet sie Sorge um das gesellschaftliche Miteinander in Deutschland und der Welt. Zunehmender Rassismus und das Erstarken rechter Parteien verunsichern sie. »Ich habe zwar die deutsche Staatsbürgerschaft, aber sicher fühle ich mich dadurch nicht«, sagt sie. »Wenn ich weiß, dass jede vierte Person die AfD wählt, frage ich mich: Wie sehen diese Menschen mich?« Alltagsrassismus hat sie in ihrer Kindheit nur selten erfahren. »Ich erinnere mich an eine Szene, als meine Mutter und ich an einer Telefonzelle standen, um in Serbien anzurufen. Obwohl mehrere Telefonzellen neben uns frei waren, wurden wir als ›Ausländerpack‹ angepöbelt und sollten Platz machen.«

 

Heute sind es subtile Bemerkungen, die sich in den Alltag einschleichen. Etwa, als sie mit ihrem Mann – ebenfalls mit Migrationshintergrund – eine Wohnung besichtigte. Der Vermieter beruhigte sie: »Machen Sie sich keine Sorgen, hier wohnen kaum Ausländer.« »Da wussten wir sofort, das wird nichts«, sagt sie trocken.

 

Bildung als Schlüssel

 

In ihren Gesprächen mit Jugendlichen versucht sie zu vermitteln, wie zentral Bildung für Teilhabe ist. »Ich sehe, was passiert, wenn man jungen Menschen Möglichkeiten gibt. Sobald sie ernst genommen und gefördert werden, öffnen sich Welten.« Gleichzeitig beobachtet sie, wie Politik und Gesellschaft oft an der Realität vorbeigehen. Zu wenig Investitionen in Schulen, zu wenig Integration, zu viele Vorurteile. »Das Bildungssystem ist der Ort, an dem Integration gelingen oder scheitern kann«, sagt Zajac. »Meine Mutter hatte damals leider keine verpflichtenden Sprachkurse, die ihr den Spracherwerb und damit die Integration erleichtert hätten. Integration kann nur dann gelingen, wenn beide Seiten es wollen und aktiv werden.«

 

Sie fordert mehr miteinander zu sprechen und einander zuzuhören. Die Suche nach einfachen Lösungen in einer immer komplexer werdenden Welt beunruhigt sie. »Viele Menschen sind schlicht überfordert, wollen schnelle und einfache Lösungen für langjährig entstandene und komplexe Probleme.

 

Zwischen Angst und Hoffnung

 

Trotz der gesellschaftlichen Spannungen bleibt Milica Zajac zuversichtlich. Vielleicht, weil sie selbst erfahren hat, wie viel Bildung bewirken kann, wenn sie ernst gemeint ist. Ihre Arbeit ist für sie mehr als ein Beruf – sie ist eine Haltung. »Ich bin dankbar für das, was mir ermöglicht wurde«, sagt sie. »Statistisch dürfte ich gar nicht da sein, wo ich heute stehe. Wahrscheinlich hätte ich kein Abi, kein Studium. Aber ich hatte Menschen, die an mich geglaubt haben, und ich habe nicht aufgegeben.«

 

Heute will sie dieser Rückhalt für andere sein – mit Geduld, Offenheit und der festen Überzeugung, dass Herkunft kein Hindernis sein darf. »Ich will Jugendlichen sagen: Du hast die Möglichkeit zu entscheiden, wer du sein willst. Du kannst deine Herkunft und dein jetziges Zuhause miteinander vereinen – und das ist deine Stärke.«