Heimat gewinnen
Ein Interview mit Rodion Bakum von Dr. Tobias Korenke
Er erzählt seine Geschichte nüchtern. Wie jemand, der früh gelernt hat, dass Biografien aus Brüchen bestehen und dass man trotzdem einen roten Faden finden kann. Bei Rodion Bakum heißt dieser Faden: Heimat. Nicht als romantische Postkarte, sondern als Ort, an dem man so sein kann, wie man ist, und an dem Gestaltung möglich ist.
Geboren wird Bakum 1990 in Kyjiw, in einer Welt, die es bald nicht mehr geben wird. Die Sowjetunion existiert noch, zugleich ist ihr Zerfall bereits deutlich spürbar. Seine Familie gehört nicht zu denen, die in bitterer Armut leben. Im Gegenteil: Der Großvater mütterlicherseits leitet die staatliche Baubehörde, väterlicherseits ist der Großvater Professor für Literatur an der Universität Kyjiw, eine Großmutter arbeitet als Lehrerin. Die Großmutter mütterlicherseits spielt eine zentrale Rolle in Bakums Leben: Sie ist Ärztin und sein großes Vorbild. Diese Familie gehört zum Bildungsbürgertum mit einer klaren Vorstellung davon, was Bildung wert ist und was Arbeit bedeutet. Und doch geht die Familie. Bakum ist zweieinhalb Jahre alt, als sie als jüdische Kontigentflüchtlinge nach Deutschland kommen. Er spricht betont sachlich über die Gründe: »Wir waren nicht verfolgt, es ging um ein besseres Leben.« Auch die Angst vor den Folgen von Tschernobyl spielte eine Rolle. »Eine Tante litt an Schilddrüsenkrebs – das Gefühl war einfach unsicher.«
In Deutschland landet die Familie in Mülheim an der Ruhr, zunächst im sogenannten Schätzlein-Gebäude. Bakum wollte sich ganz bewusst dort für dieses Buch fotografieren lassen. Denn das Haus steht weniger für Ankommen als für Übergang: ein ehemaliges Geschäfts und Lagergebäude, später Probenort des Theaters an der Ruhr, damals eine Einzimmerwohnung für eine Familie. Als Armin Rohde ihn dort ablichtet, kehren Erinnerungen zurück. Bakum weiß noch genau, wo er als Kind geschlafen hat, wo die Großeltern saßen, wo die Eltern ihr Bett hatten. Nach einem halben Jahr zieht die Familie zunächst in eine eigene Wohnung in Winkhausen, dann in Saarn. Dort wächst die Familie, zwei Geschwister kommen auf die Welt.
Die Mutter, ausgebildete Ingenieurin, schult zur Arzthelferin um und findet schnell Arbeit, in einer Praxis fast direkt neben dem Wohnhaus. Der Vater, in Kyjiw Journalist, tastet sich durch die deutschen Möglichkeiten: erst Fernfahrer, dann ein Versuch im Mediendesign, später Krankenpflege bis hin zum Pflegedienstleiter. An ihm zeigt sich besonders deutlich, was Migration bedeutet: neue Sprache, neue Rollen, neue Hierarchien und nicht zuletzt die stille Frage, ob die neue Gesellschaft einen wirklich will. Bakum erinnert sich an eine Antwort auf eine Bewerbung, in der sein Vater mit »Herr Knolle« angesprochen wird. Gemeint ist sein Aussehen, seine Nase, sein »russisches« Gesicht. Ungefilterter Rassismus. Solche Erfahrungen graben sich ein, können verbittern, Lebenswege beeinflussen.
Der Vater driftet später politisch nach rechts, entwickelt eine russischnationalistische Haltung, die auch seinen Blick auf die Ukraine verändert. Eine familiäre Bruchlinie. Die Scheidung der Eltern verläuft wenig schön, der Kontakt bricht ab. Und doch bleibt ein Paradox: Der Vater verfolgt Bakums Weg genau, seine Wahl in den Landtag, seine Reden. Großer Stolz, auch ohne politische Zustimmung.
Die Mutter findet eher Halt. Vielleicht, weil sie schneller ankommt, weil sie im Beruf akzeptiert wird, weil sie weniger sichtbar fremd wirkt. Bakum erzählt das ohne Bitterkeit, als nüchterne Beobachtung. Integration ist ungerecht verteilt, manchmal sogar innerhalb einer Familie. Lebhaft berichtet Bakum vom frühen Umgang mit Zweisprachigkeit, von Mischsätzen, von erfundenen Wörtern, die zur privaten Grammatik werden. »Schmackse« nennt seine Familie Cornflakes. Eine Erfindung der Mutter, die die Kinder lange für echtes Russisch halten. Solche Details zeigen: Mehrsprachigkeit ist nicht nur Kompetenz, sie ist auch Zuhause.
In der Schule erlebt Bakum Förderung und Ausgrenzung zugleich. In der Grundschule ist er das einzige Kind mit sichtbar internationaler Herkunft. Der Direktor fördert ihn. Dennoch brennt sich eine Szene ein: Im evangelischen Religionsunterricht fragt die Lehrerin nach der Taufe. Bakum meldet sich nicht, wird aber aufgerufen. »Ich bin jüdisch«, sagt er. Die Antwort: »Ach so, ihr habt unseren Herrn Jesus getötet.« Ein Satz aus einer anderen Zeit – gesprochen in den 1990er Jahren in einem Mülheimer Klassenzimmer. »Da wurde mir das erste Mal bewusst, was es bedeuten kann, jüdisch zu sein«, sagt Bakum. Judentum ist in seiner Familie weniger Religion als Herkunft, Bescheinigung und etwas, das man vorsichtshalber leise hält. Nach dieser Geschichte erst recht.
Rassismus begegnet ihm häufiger durch Erwachsene als durch Kinder. Eltern, die über »Ausländer vom Balkan« sprechen. Eine Mutter, die ihn außerhalb des Schulgeländes aggressiv stellt und fragt, was er ihrem Kind »als Paselacke« angetan habe. Ein Moment, der Bakum zeigt, wie früh gesellschaftliche Schubladen greifen und wie allein ein Kind sein kann. Bakums Antwort darauf ist Selbstironie. Er macht Witze über jüdisch sein, über Nazis, sagt Dinge, die ein deutsches Kind »auf gar keinen Fall sagen darf«. Heute nennt er es mit Abstand »Autorassismus« und beschreibt es als eine Form jüdischer Resilienz: Das Lächerliche entwaffnet das Bedrohliche.
Eine prägende Erfahrung macht er im Taekwondo. Jahrelang trainiert er leistungsorientiert, meist umgeben von muslimisch geprägten Kameraden. Lange sagt er nicht, dass er Jude ist. Mit 14 oder 15 erzählt er es seinem Trainer, unter Tränen. Der antwortet: »Egal welcher Religion du angehörst, du bist mein Sohn.« Ein Satz, der bleibt. Herkunft kann trennen, muss es aber nicht.
Nach dem Abitur bewirbt Bakum sich um einen Medizinstudienplatz in Essen. Bleiben im Ruhrgebiet ist gesetzt. Das Bewerbungsgespräch läuft schlecht, ein Professor provoziert, stellt Motive infrage. Bakum bleibt standhaft. Wochen später kommt die Zusage. Für ihn und seine Eltern ist es ein Kipppunkt: Migration bekommt nachträglich Sinn – Bakum kann in seiner Heimat Arzt werden.
Das Studium ist geprägt von Druck. Nicht nur, weil es hart ist, sondern weil Bakum sich nach der Scheidung um seine Mutter kümmert und zum Ersatzvater für seine jüngeren Geschwister wird. Und weil er Geld braucht. »Menschen mit Migrationshintergrund haben kein Geld«, stellt Bakum fest. Er lernt eine Frau kennen, die bald seine Frau wird. Sie ist fünf Jahre älter, schon im Berufsleben, trägt ihn finanziell mit. Als er 2016 zum dritten Staatsexamen fährt, sagt sie: »Wenn du nicht bestehst, können wir nicht heiraten.« Es klingt hart, war aber dem enormen Druck geschuldet. »Wir waren fertig mit den Nerven«, erinnert sich Bakum. Für Menschen mit Migrationsgeschichte gilt im besonderen Maße: Leistung ist keine Option, sie ist Existenzsicherung. Er besteht, sogar mit einer Eins. Klar ist: In dieser Familie ist Arbeit nicht »das halbe Leben«, sondern das ganze.
Parallel zieht ihn die Politik an. In seinem Elternhaus ist es keine Frage: Wenn politisches Engagement, dann bei den Grünen oder in der SPD. Parteien, die für Aufstieg durch Bildung stehen, für Menschen mit wenig Geld, für Migrantenbiografien. Bakum tritt der SPD bei, auch aus einem pragmatischen Bauchgefühl heraus: »Wenn man etwas umsetzen will, geht das eher in einer großen Partei.« Er trifft auf wunderbare Genossinnen und Genossen, auf Interesse und Förderung, auf ein warmes soziales Umfeld, das Politik manchmal sein kann: Gespräche, Anerkennung, Zugehörigkeit und, ja, auch freies Bier und Schnitzel beim ersten Ortsvereinstreffen.
Dass aus der Politik eine Karriere werden könnte, zeigte sich früh. Ab 2014 sitzt er im Stadtrat von Mülheim, 2019 wird Bakum Parteivorsitzender in Mülheim, in einer Zeit, in der die SPD dort, wie er sich erinnert, »furchtbar zerstritten ist«. Gegen das Establishment gewinnt er eine Mitgliederentscheidung deutlich. Es ist ein Moment, indem er spürt: Vielleicht ist da Talent. Vielleicht ist da Vertrauen. Und damit auch eine Verantwortung.
Seinen Beruf als Arzt behält er lange. Noch im Dezember 2024 macht er seinen Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie. In den ersten Monaten seines Mandats übernimmt er noch Nachtdienste. Er arbeitet in unterschiedlichen Kliniken, pendelt nach Gelsenkirchen, wo ein Chefarzt ihn gezielt fördert. »Ein schwieriger Charakter war das«, sagt Bakum heute, »aber einer, der mich besser machte.« In der Corona-Pandemie erlebt er die paradoxe Leere mancher Tage: Kliniken halten Betten frei, weil die Vorhaltepauschalen lukrativer sind als belegte psychiatrische Stationen. Er nutzt die Zeit für Politik, bereitet seine Kandidatur für den NRW-Landtag vor. 2022 wird er in den Landtag gewählt. Sein Slogan: »Ihr Arzt für unser NRW«.
Hier findet Bakum bald eine Rolle, die zu ihm passt: jemand, der Brücken bauen kann, weil er selbst den Wert von Brücken sehr bewusst erfahren hat. So merkt er zum Beispiel, dass beim israelischen Krieg in Folge des Massakers vom 7. Oktober andere oft schweigen aus Angst, falsch zu klingen, aus Angst vor dem Antisemitismusvorwurf. Er redet, greift die Regierung Netanjahu an und bekundet seine Solidarität mit dem palästinensischen Volk: »Als Jude in Deutschland kann ich das.«
Fragt man Bakum nach seinem Verhältnis zu seinem Geburtsland, der Ukraine, wird er leise: Sie ist Herkunft, aber keine gelebte Gegenwart. Er fühlt Solidarität, organisiert Unterstützung. Gleichzeitig weiß er: Er hat noch die ukrainische Staatsbürgerschaft. Würde er einreisen, könnte man ihn einziehen, an die Front schicken. Deutschland könnte ihn kaum zurückholen. Das ist die andere Seite von »Herkunft«: Man trägt sie mit, auch wenn man sie nicht gewählt hat.
Wenn Bakum über Migration spricht, klingt er, der sonst selbstsicher wirkt, demütig. Er sagt offen: »Dass ich nach Deutschland kam, war ein großes Glück, ein rechtlicher Korridor, weil ich Jude bin, weil Deutschland jüdisches Leben stärken wollte, auch aus historischer Verpflichtung.« Gerade deshalb weigert er sich, anderen das Recht auf Schutz abzusprechen. Er kennt die sozialen Herausforderungen, er weiß, dass mit jedem Zuzug auch Probleme entstehen können. Aber er zieht daraus nicht den Schluss der Abschottung. Es ist für ihn eine Frage der Gerechtigkeit: Nicht Herkunft führt zu Problemen, sondern die soziale Lage – und die Frage, ob eine Gesellschaft Menschen wirklich teilhaben lässt.
Bakum konnte und kann im Ruhrgebiet teilhaben. Mülheim ist für ihn Großstadt und Dorf zugleich: Man begegnet sich immer wieder, man redet über den Gartenzaun hinweg, Familiengeschichten verknüpfen sich über Generationen. Bakums Frau ist Mülheimerin, ihre Familie hat eine eigene Migrationsgeschichte, »Gastarbeiter« bei Siemens. In diesem Geflecht an der Ruhr konstituiert sich Heimat nicht biologisch, sondern sozial: nicht Blut, sondern Begegnung.
Bakums Leben wirkt wie ein Beleg dafür, was gerne behauptet und nicht immer ermöglicht wird: dass Integration und Aufstieg durch Bildung und harte Arbeit funktionieren. Und dafür, dass Heimat nicht dort ist, wo alles leicht ist, sondern dort, wo man sein kann, wie man ist, Verantwortung übernimmt und anderen einen Platz einräumt. Er erzählt das alles nüchtern. Vielleicht gerade deshalb wirkt es so überzeugend.
