Goldene Schritte in ein neues Leben
Die Geschichte von Serkan Solmaz – von Wilfried Pastors
Ein Schicksalsschlag veränderte den Alltag von Serkan Solmaz schlagartig. Statt zu resignieren, gründete er ein Hilfsprojekt. Er will zeigen, dass jeder Mensch wertvoll ist – unabhängig von Herkunft oder Handicap.
Wer Serkan Solmaz begegnet, versteht umgehend, warum man ihn als jungen Fußballer »den Bullen vom Bosporus« nannte. Im Gespräch ändert sich der vorschnelle Eindruck vom robusten Draufgänger, der in Essen-Kray geborene Sohn eines türkischen Bergmanns spricht mit ruhiger Stimme, wägt seine Worte ab. Die Schilderungen des Lebenslaufes sind präzise, Wertungen trifft er zurückhaltend, fast zögerlich.
Zwischen Zeche und Friseursalon
Serkan Solmaz wird 1986 in Essen geboren. Die Familie gehört zur ersten Generation der Gastarbeiter im Revier, Vater Mehmet kam 1972 aus der Türkei, arbeitete als Bergmann auf einer Dortmunder Zeche. Das häusliche Umfeld ist von Tradition geprägt. »Mein Vater war streng«, erinnert er sich. »Wenn Erwachsene redeten, hörte man zu. Und stand vom Sofa auf.« Vor der Tür war das Leben multikulti: »Wir hatten deutsche, polnische, türkische Freunde – Integration war kein Konzept, sondern Alltag.« Mit Jugend und Schule verknüpft er schöne Erinnerungen, auf dem Fußballplatz sowie im ganz normalen Alltag eines Essener Jungen. »Ich war drei Jahre in einem katholischen Kindergarten, als einziger Türke.« Nach der Grundschule folgt die Gesamtschule sowie der Abschluss des Berufskollegs mit Fachoberschulreife.
Der tägliche Umgang mit Menschen im späteren Friseurberuf kommt seiner offenen Persönlichkeit entgegen. »Der Umgang mit meinen Kunden war herzlich, wir hatten viel Spaß. Ich hatte beispielsweise Rentner, die jedes Jahr zum Überwintern nach Antalya flogen. Die verabschiedeten sich mit den Worten: Wir können erst in ein paar Wochen wieder zum Haare machen kommen.« Acht Jahre arbeitet er in Hattingen, die Kundschaft fast nur deutsch, darunter die Bürgermeisterin und Besitzer der umliegenden Geschäfte.
2015 verändert ein schwerer gesundheitlicher Rückschlag das eher sorgenfreie Leben. Als Folge einer Gefäßerkrankung muss ein Unterschenkel amputiert werden. »Die ersten Symptome wie blaue Flecken habe ich unterschätzt«, sagt Solmaz rückblickend. »Ich dachte, das kommt vom Stehen.« Zurzeit gehe es ihm gut, sagt Serkan, er nimmt verschiedene Präparate, darunter ein pflanzliches Medikament auf Basis von koreanischem Ginseng. Er trägt eine moderne Leichtprothese, geht regelmäßig zur Anpassung und Rehabilitation. Seit einem Jahr bezieht er Erwerbsminderungsrente.
Die ersten goldenen Schritte
2018, drei Jahre nach der Operation, kommt es zu einer schicksalhaften Begegnung während einer Reise in die Türkei. Solmaz wird auf der Straße angesprochen von einem ebenfalls gehandicapten Mann, der seine Prothese bewundert und von alltäglichen Problemen mit der eigenen Gehhilfe berichtet. Als Folge schlechter Passform träten ständig Schmerzen auf, offene Stellen am Bein heilten nur schwer zu. »Das hat mir persönlich wehgetan«, berichtet Serkan. »Ich wollte etwas dagegen tun, dass betroffene Menschen sich keine gescheite Prothese leisten können.«
Zurück in Deutschland beginnt er Spenden zu sammeln. Aus der Initiative »Unter uns« entsteht 2019 der Verein »Goldene Schritte e. V.« mit Sitz in Essen. Der Verein fördert Menschen nach Amputationen und finanziert Prothesen für Bedürftige in der Türkei, in Syrien und – begrenzt – auch in Deutschland. Durch Kooperationen mit Werkstätten in Duisburg, Ankara und Gaziantep gelingt es, die Kosten von rund 9.000 bis 10.000 Euro erheblich zu senken. »Für uns ist das keine Wohltätigkeit, sondern Verantwortung«, sagt Solmaz.
Seit der Gründung wurden nach Vereinsangaben mehr als 80 Personen mit neuen Prothesen, Gehhilfen oder Reha-Unterstützung versorgt. Das Team arbeitet ehrenamtlich und umfasst zwölf Mitglieder, darunter Orthopädietechniker, Physiotherapeuten, Dolmetscher und Logistikpartner. »Unser Ziel ist keine Mitleidshilfe«, betont Solmaz. »Wir wollen Mobilität ermöglichen.« Um Missbrauch zu verhindern, betreut er jeden Fall persönlich, von der Hilfsanfrage bis zum Anpassen der Prothese.
Hilfe ohne politische oder religiöse Abgrenzung
Goldene Schritte e.V. unterstützt Menschen unabhängig von Herkunft oder Religion. Dafür muss sich Solmaz gelegentlich sogar rechtfertigen. Wie im Fall einer syrischen Studentin, die im Bürgerkrieg ein Bein verloren hatte und an einer Universität in der Türkei studierte. »Beim Spendensammeln in der Türkei kam öfter die Nachfrage, ob die junge Frau vielleicht eine PKK-Sympathisantin sein könne. Ich habe gesagt, für mich spiele das keine Rolle. Sie sei eine junge Frau, die Hilfe brauche, Punkt.« Aus der eigenen Lebensrealität kennt er die Herausforderungen für Menschen mit Behinderung, die in seinem persönlichen Alltag nicht selten durch den Migrationshintergrund verschärft werden.
Er besitzt beispielsweise einen Schwerbehindertenausweis mit entsprechender Kennzeichnung, nutzt Behindertenparkplätze und öffentliche Ermäßigungen. Trotzdem erlebt er Misstrauen. »Ich wurde schon gefragt, warum ich auf dem Behindertenparkplatz stehe, ich sei doch gesund«, erzählt er. »Die Prothese sieht ja keiner. Genauso erlebe ich, dass Menschen einfach die wenigen Behindertenparkplätze in der Essener Innenstadt blockieren, ohne Berechtigung.
Bei Nachfragen wurde ich auch schon angegangen.« Seit Ende der Corona-Pandemie, so glaubt Solmaz, habe sich das gesellschaftliche Miteinander zunehmend verschlechtert. Auch als Folge von Lockdown und Vereinzelung.
»Früher traf man sich, redete, half sich. Jetzt hängen alle am Mobiltelefon.«
Er fordert mehr direkte Begegnungen – im Sport, im Ehrenamt, im Beruf. »Gesetze helfen wenig, wenn man sich nicht begegnet.« Ihn treibt um, dass sich immer mehr Mitbürger von pauschalen Urteilen leiten lassen, statt zu differenzieren. »Wenn es unter 100.000 Zuwanderern drei Straftäter gibt, bedeutet das doch nicht, dass alle Flüchtlinge Verbrecher sind. Gleichzeitig macht mich fassungslos, dass in Deutschland ein Fahrkartenkontrolleur im Zug totgeschlagen wird.« Respekt und Wertschätzung sind nach seinem Empfinden die Schlüsselbegriffe im Integrationsprozess. Dessen Fehlentwicklungen auch darauf gründen, dass die Errungenschaften vergangener Jahre ignoriert würden. »Wir sind doch ohne Stress miteinander groß geworden. In der Schule wurde wochenlang über Antisemitismus diskutiert, als das Stichwort in die gesellschaftliche Debatte kam. Ich wusste gar nicht, was sich dahinter verbarg.«
Auch in der eigenen türkisch Community eckt er regelmäßig an. »Ich stehe auf dem Standpunkt, dass sich jeder in seiner aktuellen Gesellschaft anpassen muss. Junge Türken machen oft auf dicke Hose, etwa mit Parken in der zweiten Reihe. Das fördert auf Dauer Ablehnung in der Mehrheitsgesellschaft.« Am Beispiel der Türkei erläutert er, dass sich beide Gesellschaften etwas voneinander abschauen können. »Dort ist die Digitalisierung in Teilen deutlich weiter, eine App erfasst beispielsweise den ganzen öffentlichen Schriftverkehr von Gerichtsterminen bis zum Arztbesuch. Das finde ich extrem hilfreich.« In Deutschland scheitere es bereits beim Datenschutz…
Solmaz definiert sein Engagement nicht über Ideologie. In seinem Verein sind politische oder religiöse Themen ausgeschlossen. »Wir wollen helfen, nicht diskutieren.« Die Mitglieder stammen aus unterschiedlichen kulturellen und religiösen Hintergründen. Entscheidend sei Professionalität und Verlässlichkeit. »Ich habe gelernt, dass funktionierende Strukturen wichtiger sind als große Worte«, sagt er. Inzwischen entwickelt sich eine Kooperation mit der Stadt Essen, Bürgermeister Thomas Kufen erlebt Solmaz als ehrlichen Vermittler zwischen den unterschiedlichen Kulturen in der Stadt. »Er besucht regelmäßig die Moscheevereine, hört zu und fragt nach Anregungen für ein humaneres Miteinander.«
Er lebt mit seiner Frau und seinen Kindern in dem Haus, das sein Vater 1972 bezogen und die Familie inzwischen übernommen hat. Er arbeitet selbstständig und betreut den Verein in seiner Freizeit ehrenamtlich. Der Tag von Serkan Solmaz ist durchgetaktet – Kontakte, Spendergespräche, Koordination der Hilfsfälle. »Ich habe ein Bein verloren, nicht meinen Antrieb«, sagt Solmaz – nüchtern, ohne Pathos. »Ich brauche keine Bühne. Ein Dankeschön reicht – weil es zeigt, dass Hilfe funktioniert.«
