Einmal Griechenland und zurück
Die Migrationsgeschichte von Efthalia Anastasiadou – von Wilfried Pastors
Die Mutter von Efthalia Anastasiadou ist in Berlin geboren. Mit der Familie kommt sie 2015 zurück. Ihre ehrgeizige Tochter erfüllt sich in Deutschland den Berufstraum. Und arbeitet hart an Widernissen des Bildungssystems.
Ihre Migrationsgeschichte beginnt lange vor der eigenen Geburt. »Meine Mutter ist hier in Deutschland geboren«, erzählt Efthalia Anastasiadou. »Aber als sie noch klein war, sind ihre Eltern zurück nach Griechenland gegangen.« Die in Berlin geborene Mutter fühlte sich in Deutschland heimisch – »sie wollte immer zurückkommen, weil das besser zu ihr passt«. 2015 trifft die Familie eine Entscheidung, die das Leben der damals 15Jährigen grundlegend verändert. »In Griechenland war damals diese Finanzkrise, ganz viele Griechen sind aus finanziellen Gründen ausgewandert«, sagt sie. »Da war der Punkt, an dem meine Mutter gesagt hat: Jetzt ist der richtige Zeitpunkt, um nach Deutschland zurückzukehren.«
Die Eltern machen der Tochter ein Versprechen, um den Abschied zu erleichtern: »Sie haben mir versprochen, dass ich hier auf eine griechische Schule gehe.« Als sie in Deutschland ankommt, heißt es plötzlich: »Nein, das machen wir nicht.« Für Efthalia ist das ein Schock. Sie spricht »null Deutsch«, versteht fast nichts – und soll nun in ein deutsches Schulsystem einsteigen, das ihr niemand erklärt. Während andere Jugendliche Freundschaften knüpfen, zieht sich die junge Griechin zurück. »Ich hatte hier keine Freunde am Anfang«, sagt sie. »Die ersten zwei Jahre, glaube ich, hatte ich eigentlich niemanden.« Statt draußen mit Gleichaltrigen Zeit zu verbringen, sitzt sie in ihrem Zimmer, liest, schreibt, macht Hausaufgaben – getrieben von dem Gefühl, sich beweisen zu müssen. »Ich habe mich auf meine Zukunft konzentriert«, erzählt sie. »Ich habe ganz viele Bücher gelesen. Nach drei Monaten habe ich angefangen, ganz normal zu sprechen und alles zu verstehen.«
Doppelte Anstrengung für Abi und Job
Die härtesten Sätze bekommt sie nicht auf dem Pausenhof zu hören, sondern im Klassenraum. »Es gab ein paar Lehrer, die zu mir gesagt haben, dass ich es hier nicht schaffen werde«, erinnert sie sich. »Die meinten, ich könnte am Ende höchstens Friseurin werden.« Sie betont: »Ich habe nichts gegen Friseurinnen, aber das war nicht mein Traum.« Sie entscheidet sich für den schwierigsten Weg: Abitur mit kombinierter Erzieherinnenausbildung. Schon als Jugendliche war Efthalia sich sicher, in welche Richtung es beruflich gehen sollte. »Ich liebe Kinder. Mir war von Anfang an klar, dass ich im pädagogischen Bereich arbeiten möchte.« Das Angebot zur doppelten Qualifikation passt perfekt: »Bei uns gab es die Möglichkeit, Erzieherausbildung und Abitur gleichzeitig zu machen – und ich habe das dann gemacht.« Für das eigene Berufsleben prägt sie die Erfahrung fehlender Rückendeckung: »Ich hätte mir damals gewünscht, dass man meine Persönlichkeit sieht, nicht nur meine Sprache und meine Noten.«
Kinder fühlen Ungerechtigkeit sofort
Heute arbeitet sie in einer Kindertagesstätte, ihr Anerkennungsjahr hat sie erfolgreich abgeschlossen. »Ich brauche noch ein Jahr«, sagt sie, »dann mache ich zusätzlich eine Qualifikation, damit ich irgendwann eine Leitung übernehmen kann.« Was sie antreibt, ist mehr als Karriere: »Ich habe erlebt, wie es ist, wenn man falsch eingeschätzt wird. Ich will das anders machen.« In ihrer Kita treffen sich »ganz, ganz viele Migrationskinder« und deutsche Zwerge. Die Sprachentwicklung der Zugewanderten beobachtet Efthalia noch immer mit Staunen: »Die Kinder lernen ganz schnell. Am Anfang ist es schwierig, weil sie noch sehr klein sind und uns nicht verstehen. Aber sie brauchen nur ein paar Monate.«
Trotz Sprachförderung sieht sie ihre Aufgabe woanders. »Für mich ist die Persönlichkeit wichtiger als Sprachkenntnisse.« Sie ist überzeugt: »Die kleinen Kinder merken alles. Die fühlen genauso wie die Erwachsenen. Wenn es Ungerechtigkeit gibt, merken sie das auch.« Besonders deutlich spürt sie Unterschiede beim Start in die Kita. »In der Eingewöhnungsphase sind die Eltern erst mal mit dabei.« Kinder, die Deutsch könnten, hätten weniger Probleme, sich von der Mutter zu lösen. »Man merkt, sie sind sicherer. Sie verstehen alles, was wir Erzieherinnen sagen. Natürlich sind sie traurig, weil die Mama geht, aber sie haben eine Sicherheit.« Anders sei es bei Kindern mit Fluchtgeschichte oder traumatischen Erfahrungen: »Da habe ich gemerkt, dass das Kind, sobald die Mutter weg war, in Panik gerät. Es konnte nicht verstehen, was passiert.«
Um diese Kinder zu schützen, setzt die Kita auf Hilfsmittel: »Wir haben Übersetzungsgeräte. Manchmal schreiben wir etwas auf, und das wird dann in deren Sprache vorgelesen.« Noch wichtiger sind die kleinen Gesten: »Wir fragen die Eltern, was bestimmte Wörter in ihrer Sprache heißen. Wenn wir das dann benutzen, merkt das Kind: Ich kann dieser Person vertrauen.« Sie selbst kann »ein paar Wörter auf Türkisch« – kleine Bausteine für große emotionale Effekte.
Eltern zwischen Überforderung und Verantwortung
In den jährlichen Entwicklungsgesprächen sieht sie, wie sehr der Bildungserfolg der Kinder vom Elternhaus abhängt. »Wir schauen jedes Jahr: Was kann das Kind schon, was noch nicht. Dann schlagen wir den Eltern vor, was wichtig für die Entwicklung ist.« Sprachförderung sei nur ein Baustein. »Wir sagen: Lesen Sie mehr mit den Kindern. Lassen Sie bitte die Medien raus – das ist heute ein riesiges Problem.« Viele Eltern, sagt sie, müssten sich »mehr um die Kinder kümmern«.
Gleichzeitig hat sie eine klare Haltung zur Verantwortung: »Auch wenn Eltern kein hohes Bildungsniveau haben, können sie etwas tun. Meine Eltern konnten mir auch nicht alles erklären, aber sie haben mir Bücher gekauft. Und wir haben in der Kita jeden Tag besprochen, was in den Büchern zu sehen ist, wie beispielsweise das abgebildete Tier heißt.« Die Grenze zwischen Theorie und Praxis spürt sie täglich. »Wir haben sehr viele Kinder in der Gruppe«, sagt sie. »Es ist nicht immer möglich, jedes Kind einzeln zu betreuen angesichts des Personalmangels.« Trotzdem versucht sie, Entwicklungsziele im Alltag zu verankern – im Gespräch, im Spiel, im Vorlesen.
»Manche wollen die Sprache gar nicht lernen«
Auf Integration schaut sie mit einem doppelten Blick: als Betroffene und als Fachkraft. Sie erzählt von Bekannten, die schon lange in Deutschland sind und kein Wort sprechen möchten, »nicht können, sondern nicht möchten«. »Die denken sich: Ich kann arbeiten, ohne die Sprache zu beherrschen. Ich kriege gutes Geld. Warum soll ich mich anstrengen und auch noch eine neue Sprache lernen?«, sagt Anastasiadou. Für sie ist das unverständlich: »Du lebst in einem Land, du hast vieles geschafft, was du im Herkunftsland wegen politischer oder anderer Gründe nicht schaffen könntest – und du willst die Sprache nicht beherrschen, weil du zu egoistisch bist.«
Sie ist überzeugt, dass aus solchen Familien eher Kinder hervorgehen, die weniger Ambition zur Ausbildung haben. Gleichwohl sieht sie mit Blick auf eigene Erfahrungen auch eine Verpflichtung bei der deutschen Mehrheitsgesellschaft. In einer neuen Schule, mit unsicherer Sprache und Akzent, hörte sie Sätze wie: »Du bist aus Griechenland, ihr kommt doch nur wegen des Geldes her.
»Das fand ich unfair«, sagt sie heute. »Die wussten nicht, was meine Eltern alles getan haben, um selbstständig zu werden.« Der Vater hat als LkwFahrer gearbeitet, die Mutter als Reinigungskraft. Seit 2024 sind sie Inhaber des Thessaloniki-Grills in Herne. Diesen Einsatz und das Engagement wünscht sie sich auch im weiteren gesellschaftlichen Umfeld. »Wir brauchen mehr Leute und mehr Fachkräfte. Das lässt sich allein mit Migration nicht lösen.«
Die Ursache liege weniger bei Staat und Kommunen als in gesellschaftlichen Haltungen. »Die jungen Leute haben keine Lust mehr zu arbeiten.« In ihrem Kindergarten sei sie die Jüngste. »Wir hatten viele junge Leute eingestellt, die einfach weggegangen sind, weil sie das nicht mehr wollten oder konnten.« Ähnlich kritisch schaut sie auf Teile der Elternschaft. »Es gibt viele Eltern, die nicht arbeiten wollen«, sagt sie. Im privaten Umfeld habe man ihr offen ins Gesicht gesagt: »Ihr seid dumm, dass ihr arbeiten geht. Ich bekomme mein Geld so.« Dass sie als Erzieherin »richtig gutes Geld« verdient, findet sie angemessen – gerade, weil die Arbeit anspruchsvoll sei. Viele Kinder, viele Anforderungen, hohe Verantwortung.
»Kinder nicht aufgeben«
Aus all diesen Erfahrungen hat sie Leitlinien für ihren Beruf entwickelt. Sie will Kinder nicht aufgeben, auch wenn sie leise sind, wenig Deutsch sprechen oder »nicht ins Schema passen«. Efthalia Anastasiadou möchte ihnen Sicherheit geben – besonders denen, die panisch reagieren, wenn die Mutter die Kita verlässt. Und sie hat eine Botschaft an Eltern und junge Menschen mit Migrationsgeschichte: »Man muss sich anstrengen«, Deutschland biete viele Möglichkeiten, »aber man darf sie nicht nur ausnutzen«.
