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Ein Meter Stoff als Stolperstein

Die Geschichte von Hülya Akbul-Çakir – von Wilfried Pastors

Das Kopftuch behinderte immer wieder den Lebensweg von Hülya Akbul-Çakır. Starker Wille und wertschätzende Menschen halfen bei Bildung und Integration. Als systemische Therapeutin unterstützt sie heute Kriegsflüchtlinge und traumatisierte Kinder.

 

Hülya Akbul­-Çakır ist Gold wert, im wahren Wortsinn…

 

»Gleich nach der Geburt zeigte die Krankenschwester mich vom Fenster aus meinem draußen wartenden Vater. Dafür hat er ihr ein Goldstück geschenkt«, berichtet sie. Die Szenerie belegt im Rückblick das emotionale Fundament ihres Lebens: »Ich war das erste Kind, nicht geplant, aber voller Liebe aufgenommen. Meine Eltern waren lebenslang meine größten Unterstützer.«

 

Hülya kommt als ältestes Kind türkischer Eltern zur Welt, drei Brüder folgen. Der Vater Bergmann, 1967 mit 16 Jahren aus Anatolien in den Ruhrpott verschlagen. »Wie fast alle damals dachten meine Eltern, sie bleiben nur ein paar Jahre, arbeiten, bauen in der Türkei ein Haus und gehen dann zurück«, sagt sie. »Aber das Leben bleibt selten an den Plänen hängen.«

 

Ein Schulweg voller Stolpersteine

 

Als kleines Mädchen besucht Hülya keinen Kindergarten, weil die Eltern das System nicht kennen – und weil es politisch auch gar nicht gewollt war. »Kinder der Gastarbeiter sollten sich nicht zu sehr eingewöhnen, damit sie nach der Rückkehr im Heimatland keine Probleme haben«, erinnert sie sich.

 

Erst in der dritten Klasse kommt sie überhaupt in die Schule, in eine rein türkische Klasse. »Wir hatten eine türkische Lehrkraft, keine deutschen Mitschüler, wir blieben unter uns. In den Heften stand alles auf Türkisch, das war gültige Bildungspolitik.« Eine engagierte deutsche Lehrerin überzeugt am Ende der dritten Klasse ihre Eltern, sie in eine deutsche Regelklasse wechseln zu lassen. »Das war der Wendepunkt. Diese Lehrerin hat meinem Leben eine Richtung gegeben.« Schon in der vierten Klasse bekommt sie eine Gymnasialempfehlung, der Übergang dorthin scheitert an praktischen Bedenken. »Meine Mutter sagte: Das Gymnasium ist drei Straßenbahnhaltestellen weit weg, das ist zu gefährlich für das Mädchen«, erzählt die heutige Therapeutin und lacht. »So war das Denken damals.« Sie geht also auf die Hauptschule – und stößt dort auf ein System aus niedrigen Erwartungen. »Eine Lehrerin sagte mir immer wieder: Du bist ein türkisches Mädchen, du wirst mal heiraten, du brauchst kein Abitur.« Sie lernt, sie widerspricht, sie will weiter. In der neunten Klasse fragt der Vater: »Bist du dir sicher, dass du Abitur machen kannst?« Er glaubt ihr – und an sie …

 

Mit der Oberstufe beginnt für sie die eigentliche Integration. »Zum ersten Mal hatte ich viele deutsche Mitschüler, Freunde. Es war offen, es war normal. Die Probleme kamen nie von den Gleichaltrigen – die kamen von oben, von Lehrern, Institutionen, Regeln.«

 

Ein Stück Stoff, ein Akt der Freiheit

 

Mit 16 entscheidet sich Hülya Akbul­-Çakır, ein Kopftuch zu tragen – niemand hat sie dazu gedrängt. »Es war meine Entscheidung, mein Moment. Ein Wochenende nach dem Ramadan, einfach so. Ich sagte mir: Wenn ich es mache, dann richtig – auch in der Schule.« Die Lehrerin will es verbieten, lädt den Vater ein. »Meine Eltern wussten gar nichts davon. Mein Vater war völlig überrascht. Er sagte, wenn es verboten ist, soll ich es nicht tragen.« Doch die Tochter sagt: »Nein. Das ist mein Körper. Ich entscheide das.«

 

Sie lächelt, wenn sie erzählt: »Für mich war das nur ein Meter Stoff. Ich war genauso frei und selbstbestimmt wie vorher. Ich schminkte mich, ich war fröhlich. Für mich hat es nichts verändert – für die Gesellschaft schon.« In der Universität stößt sie erneut auf Vorbehalte gegen ihr Erscheinungsbild. »Ich war die einzige mit Kopftuch. Einige Dozenten machten abfällige Bemerkungen. Ich blieb höflich, aber es blieb schmerzhaft. Und im Bewerbungsprozess wurde es dann richtig sichtbar: Man sagte mir offen, man würde mich gern nehmen – aber bitte ohne Kopftuch.« Nach vielen Frustrationserfahrungen, Selbstzweifeln und auch Tränen beschließt die Familie den Umzug nach Duisburg. Sie bekommt eine Zusage beim Landschaftsverband Rheinland. »Ich bin zu dem Vorstellungsgespräch gegangen, fest entschlossen, nicht mehr klein beizugeben. Ich hatte einen anderen Arbeitsvertrag in der Tasche – endlich konnte ich sagen: Nein, ich nehme das Tuch nicht ab. Aber sie fragten gar nicht.«

 

Der Beruf: Zuhören, was Menschen nicht aussprechen

 

Heute arbeitet Hülya Akbul­-Çakır als systemische Therapeutin und Traumatherapeutin in der Kinder-­ und Jugendpsychiatrie des LVR. Sie begleitet Kinder, Jugendliche und Familien, die vor allem eines teilen: das Erleben von Gewalt, Flucht, Misshandlung oder tiefer seelischer Erschütterung. »Ich sehe viele Wunden, die nicht körperlich sind. Menschen mit Trauma reden oft nicht – aber ihr Körper spricht, ihr Blick, ihr Schweigen«, sagt sie.

 

Sie gehört zum Team der Traumaambulanz, behandelt Menschen nach dem Opferentschädigungsgesetz, schreibt Gutachten, begleitet Betroffene. 2015 initiiert sie mit einer Kollegin die Migrantenambulanz, die Geflüchtete und Menschen mit Migrationshintergrund betreut. »Das ist nicht nur Therapie. Es ist auch ein Stück Übersetzungsarbeit – zwischen Herkunft und Gesellschaft, zwischen den Generationen, zwischen unterschiedlichen Wirklichkeiten.« Für sie gehört zur gesunden Entwicklung eines Menschen immer das Umfeld: Familie, Schule, soziales System. »Das System Familie und das System Schule machen sehr viel aus für ein Kind. Wer dort Halt findet, übersteht vieles.« Ihr Vater, erzählt sie, habe sie früh geprägt – ein Mann, der sich einbrachte, obwohl er nie studiert hatte. Er war im Ausländerbeirat aktiv, half in türkischen Vereinen, arbeitete im christlichislamischen Dialog mit Pastoren. »Er war ehrlich interessiert an Menschen. Das hat uns Kinder geprägt«, sagt sie.

 

Integration als zweiseitiger Tanz

 

Hülya Akbul-­Çakır glaubt nicht an das einfache Narrativ, dass Integration reine Anpassung bedeutet. »Integration ist wie ein Tanz«, sagt sie, »man muss die Schritte lernen, einen Takt, vor und zurück gehen. Wenn nur einer tanzt, wird es nichts.«

 

Während ihrer Fortbildung erlebt sie das hautnah. Als einzige muslimische Teilnehmerin unter 15 Deutschen überlegt sie abzubrechen. »Ich war müde, mich ständig beweisen zu müssen. Ich hatte keine Lust mehr, mich zu rechtfertigen, dass Deutschland mein Zuhause ist.« Ihr Dozent überredet sie zu bleiben. Nach drei Jahren intensiver Selbsterfahrung erkennt sie, dass sie nicht nur Vorurteilen ausgeliefert war, sondern auch eigene in sich trug. »Ich hatte auch Bilder im Kopf über deutsche Familien, über deutsche Frauen. In dieser Zeit habe ich verstanden: Es gibt keine ›türkischen‹ oder ›deutschen‹ Probleme – es gibt menschliche Probleme.«

 

Diese Erkenntnis prägt ihr Arbeiten bis heute. »Ich bewerte Menschen nicht nach Herkunft oder Religion, sondern nach Empathie, Werten, Respekt.«

 

Sprache als Schlüssel – aber nicht als Waffe

 

Sie hinterfragt die Fokussierung auf frühe Sprachkompetenz im Integrationsprozess. »Sprache ist eine Herzenssache«, sagt sie. »Ich rate Migrantenfamilien, zu Hause ruhig Türkisch oder Arabisch zu sprechen. Das ist Identität. Aber ich rate auch, spielerisch Deutsch einzubauen – nicht als Zwang.« Ihr Sohn hat zuhause nur Türkisch gelernt, erst zwei Tage vor Kindergartenstart zwei deutsche Begriffe. »Morgen« und »Pipi« reichten die ersten Tage aus. »Innerhalb von zwei Monaten hat er in Sätzen auf Deutsch diskutieren können.« Hülya Akbul­-Çakır ärgert sich über die Doppelmoral. »Wenn ein Kind perfekt Französisch spricht, wird geklatscht. Wenn es Türkisch spricht, heißt es: ›Oh je, das Kind muss dringend Deutsch lernen.‹ Warum? Eine Sprache ist ein Mensch – zwei Sprachen sind zwei Menschen.«

 

Kindheit, Familie, Schule – ein Dreiklang

 

Was ihr in der Therapie jeden Tag begegnet, bestätigt ihre Überzeugung: Kinder brauchen starke Bindungen – und Erwachsene, die Zeit haben. »Heute sind Schüler oft bis 16 Uhr in der Ganztagsschule. Sie verbringen mehr Stunden dort als zu Hause. Deshalb ist Schule längst auch Familie.« Mit einem über die Wissensvermittlung hinausgehenden Erziehungsauftrag. Sie plädiert für kleinere Klassen, Teamarbeit zwischen Lehrkräften und Sozialpädagogen, mehr Elternarbeit. »Nur unterrichten reicht nicht. Lernen und Erziehen gehören zusammen.« Im schwierigen Umfeld von großen Klassen, zu wenig Unterstützung, zu viel Bürokratie. »Das Problem ist längst gesamtgesellschaftlich – nicht ein Migrantenproblem. Wenn das System überlastet ist, leiden alle Kinder.«

 

Das digitale Zeitalter und seine Schatten

 

Als Therapeutin blickt sie auch auf neue Gefahren: Mediennutzung, Überforderung, Reizüberflutung. »Viele Eltern, vor allem aus bildungsferneren Schichten, verstehen die digitalen Welten ihrer Kinder nicht. Sie haben keine Kontrolle, keine Strategien. Und so verlieren sie den Kontakt.« Die Folgen erlebt sie täglich: Kinder mit Schlafstörungen, Angstzuständen, Depressionen. »Sie vergleichen sich mit Influencerinnen und Influencer und verlieren das Vertrauen in die eigene Realität.« Besonders in Migrantenfamilien, in denen Eltern ohnehin um Sprache und Orientierung kämpfen, werde das Problem sichtbar. »Wenn in einer Familie nicht mehr gemeinsam gegessen wird, wenn Kinder Eltern schlagen, weil die ihnen das Tablet abnehmen wollen – dann stimmt etwas Grundlegendes nicht mehr.«

 

Familie – der Ursprung aller Integration

 

Am Ende des langen Gesprächs kehrt Hülya Akbul­-Çakır zu ihrem ersten Stichwort zurück: zur Familie. »Wenn Sie mich fragen, wo Integration anfängt – immer in der Familie. Familie ist die kleinste Zelle der Gesellschaft. Wenn sie stark ist, trägt sie. Wenn sie schwach ist, reißt alles auseinander.« Für sie ist Familie keine Institution, sondern ein soziales Fundament. »Ich hatte gesunde Eltern. Heute haben viele Kinder überforderte Eltern – psychisch krank, getrennt, unter Druck. Da liegt das Problem, nicht in der Herkunft.«

 

Nach Corona seien psychische Belastungen explodiert. »Mehr Kinder leben mit Depressionen, aggressivem Verhalten, Suchtproblemen. Viele Eltern sind überfordert, geschieden oder schlicht müde.« Integration, sagt sie, gelinge nur, wenn die Familie Halt bieten kann – innerlich wie äußerlich. »Fast alle meine guten Klientengeschichten beginnen dort, wo jemand an das Kind glaubt. Ich kenne das – mein Vater und meine Grundschullehrerin waren diese Menschen für mich.« Integration, glaubt Hülya Akbul­-Çakır, sollte nicht auf Perfektion zielen, sondern auf Begegnung. »Man muss sich trauen, neugierig und geduldig zu sein.« Getreu ihrem Lebensmotto: »Ich gebe jedem Tag die Chance, mich glücklich zu machen.