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Der deutsche Tischler aus Afghanistan

Ein Beitrag zu Wahid Aminzada – von Prof. Bodo Hombach

Wahid Aminzada kam im Alter von sechs Jahren nach Deutschland. Sein Lebensweg führt ihn aus dem »Ghetto« ins eigene Haus im Essener Süden. Möglich gemacht durch Anstrengung, Leistung und den festen Glauben an sich selbst.

 

Wahid Aminzada kam 1981 mit seinen Eltern, vier älteren Brüdern und einer Schwester aus Afghanistan über den Iran nach Deutschland und landete mit der Lufthansa in Frankfurt. »In den Iran kam man ohne Schlepper. Aus dem Iran raus nach Deutschland nur mit massiver, sehr teurer Unterstützung«, sagt er. Die Familie hatte ein durchaus bescheidenes Vermögen, im Iran sogar ein eigenes Haus. »Damit wurden die vielen zu überwindenden Stationen bezahlt.« Am Flughafen beantragten die Eltern für sich und die Familie politisches Asyl. In der Nähe von Frankfurt gab es ein ehemaliges Militärgelände, das zur »Sammelunterkunft« umgewandelt worden war. Dort lebte die Familie drei Monate.

 

»Ich glaube, es geht nicht mehr zurück«

 

Es folgte eine Kette angeordneter Umzüge per Sammelbus. Die Mitteilung ein, zwei Tage zuvor lautete: »Morgen geht es weiter. Es geht zum nächsten Lager.« Zunächst ging es nach Kassel (Unterkunft für zwei Monate), dann nach Bergkamen (ebenfalls rund zwei Monate) und schließlich nach Essen­West in eine Asylunterkunft, in der die Familie fast fünf Monate verbrachte. In dieser Zeit wurde Wahid eingeschult. Vater und Brüder bekamen, wie üblich, keine Arbeitserlaubnis. Wahid Aminzada versteht bis heute nicht, welchen Sinn dieses »Umherziehen« hatte, obwohl er sagt: »Uns Kinder hat das nicht sehr belastet.«

 

Umgeben von Verwahrlosung

 

Die Familie war in Afghanistan durchaus etabliert. Der Vater war Kaufmann, ein älterer Bruder hatte in Kabul die Deutsche Schule besucht und sprach bereits gut Deutsch. Wahid erinnert sich, dass seine Eltern und viele Bekannte, die aus Afghanistan geflohen sind, glaubten, es ginge irgendwann zurück. Die Aminzadas wollten auch zurück, wenn sich die Verhältnisse dort geändert hätten, weil sie in der früheren Heimat Häuser und Ländereien besaßen. Irgendwann hat seine Mutter resigniert gesagt: »Ich glaube, es geht nicht mehr zurück.« Nach dem Aufenthalt in Essen-­West wurde der Familie eine Wohnung in einem Hochhaus im Essener Osten zugeteilt. Wahid erinnert sich, dass dort etwa 20 Nationen lebten und kaum jemand eine Arbeitserlaubnis hatte, was zu entsprechenden Problemen führte. Drogenabhängigkeit, Alkoholabhängigkeit und Verwahrlosung: Das waren auffällige, sich zeigende Bilder. »Im Keller des Hauses gab es Todesfälle, wohl auch durch Überdosis von Drogen.«

 

Hürdenlauf zur Einbürgerung

 

Nach der üblichen Frist wurde das Verfahren für die Eltern positiv beschieden. Die drei älteren Söhne mussten eigene Anträge stellen. Auch diese wurden genehmigt. Wahid und die Schwester waren noch minderjährig, für sie gab es zunächst kein getrenntes Asylverfahren. Daraus ergaben sich später bürokratische Verwicklungen: Als Wahid 18 wurde und einen Pass benötigte, war er juristisch staatenlos. Es begann ein Hürdenlauf, zunächst mit einer zweijährigen Duldung, der schließlich 1999 mit der Einbürgerung als Deutscher endete. Dafür mussten Schulzeugnisse, Ausbildungsnachweis, Führungszeugnis und weitere Unterlagen vorgelegt werden. Der Antrag wurde nach etlichen, aber nicht unüblichen Hürden angenommen. Allein die Arbeitserlaubnis zur Aufnahme der Tischlerlehre dauerte Monate, obwohl Aminzada bereits einen guten Schulabschluss hatte. Der deutsche Lehrmeister kannte das Thema »Arbeitserlaubnis«, um das Wahid ringen musste, gar nicht. Er war empört, weil er den jungen Mann aus Afghanistan wollte und brauchte. Zu diesem Zeitpunkt sprach Wahid akzentfreies Deutsch. Sein Deutsch und die Regeln lernte er »nicht in Kursen«, sondern »erst auf der Straße, dann auch in der Schule«.

 

Nicht ohne »Butterfly« aus dem Haus

 

Die Familie wohnte im Essener Osten in einer sehr spezifischen Hochhaussiedlung, einer Gegend für sozial Schwache. Er erzählt heute mit Abstand und Humor, wie die ersten Erfahrungen eines Kindes in dieser Region waren. Das Viertel und sogar das Haus galten als sozialer Brennpunkt, es soll damals sogar im Fernsehen vorgestellt worden sein. Die rund 17 Jahre, die er dort verbringen musste, waren für ihn hart, aber prägend. Er berichtet von Drohungen, Gewalt, Drogen und Kleinkriminalität. Als Anekdote erzählt er, dass ein »Butterfly« zur Selbstverteidigung »fast selbstverständlich« gewesen sei. Man trug es, weil viele es trugen, und ohne sei man leicht zum Opfer geworden. Er selbst hatte auch eines, hat es durchaus spielerisch gezeigt, aber nicht gegen Menschen eingesetzt.

 

Wahid Aminzada beschreibt, dass das Rotlichtmilieu in Varianten präsent gewesen sei. Den sogenannten »Luden Pub« habe jeder gekannt – bestimmte Typen hätten dort herumgehangen. »Bandidos« habe es aus seiner Erinnerung in der Gegend damals nicht gegeben, die »Hells Angels« seien als Motorradgruppe bekannt gewesen, ohne dass sie ihm in seiner unmittelbaren Umgebung besonders aufgefallen seien. Er erinnert sich, dass die Angebote städtischer Jugendarbeit vorhanden und durchaus attraktiv gewesen seien. Dass die Pädagogen in den Jugendhäusern viele »von der Straße geholt« hätten. Er hörte, dass es Ähnliches heute kaum noch gebe. Das bedauert er. Diese Pädagogen, seine strenge Mutter und die Brüder hätten ihn jedenfalls von Fehltritten abgehalten.

 

Gymnasium, Klavier und Golf

 

Er ist stolz darauf, diese Verhältnisse durch eigene Anstrengung, Leistung und ohne Vorstrafen hinter sich gelassen zu haben. Sein Lebensstil und der seiner kubanischen Frau sind eine bewusste Abgrenzung vom Erlebten. »Man wollte für sich, aber besonders für die Familie, unbedingt was Besseres.« Besonders deutlich wird das in der Erziehung der beiden Söhne: Sie spielen Klavier, spielen Golf und nehmen rege am sozialen Vereinsleben teil. Der Ältere ist dabei, das Abitur zu machen, der Jüngere gilt als begabter Tausendsassa, besucht ebenfalls das Gymnasium. Der Vater setzt große Hoffnung in ihre Entwicklung.

 

Im früheren »Ghetto« lebte die Familie zu acht in einer Wohnung, bis nach und nach die älteren Brüder auszogen, heirateten und sich ein eigenes Leben aufbauten. Alle haben erfüllende Berufe und eine gesicherte, erfolgreiche Existenz. Fast alle Brüder sind selbstständig und besitzen Immobilien. Die Schwester betreibt eine gut besuchte Pizzeria im Ruhrgebiet.

 

Abendschule mit Meisterprüfung

 

Wahid lernte seine Frau 2003 kennen. Zu diesem Zeitpunkt hatte er das Problemviertel bereits seit Längerem verlassen. Er war Tischlergeselle, arbeitete und holte parallel in der Abendschule die Meisterprüfung nach, die er nach drei Jahren erfolgreich abschloss. Seine spätere Frau machte damals eine Ausbildung zur Fremdsprachenkorrespondentin.

 

Er nennt das frühere Wohnviertel selbst »Ghetto«. Er ist stolz darauf, dass er, als er 18 war, eine gewisse ökonomische Selbstständigkeit entwickelte und seine Eltern »mitgenommen« hat. Er mietete in Oberhausen eine Wohnung an, groß genug, dass die Familie dort gemeinsam leben konnte. Das veränderte auch die Situation der Eltern fundamental. Die Mutter ist inzwischen verstorben, der Vater lebt noch. Er konnte das, was er in Afghanistan gelernt hatte, in Deutschland nie voll zur Geltung bringen, arbeitete als Händler auf Wochenmärkten und hielt die Familie so finanziell über Wasser. Einer der Brüder ist ebenfalls Tischlermeister und selbstständig. Wahid arbeitete zeitweise in dessen Betrieb, der gut ausgelastet war. 2009 machte er sich ebenfalls selbstständig, um in einer eigenen Firma seine Ideen umsetzen zu können.

 

Handwerkskunst made im Ruhrgebiet

 

Heute beschäftigt er drei Mitarbeiter und arbeitet in einer eigenen Werkstatt mit großer Lagerhalle. Die Flexibilität und die hohe Qualitätsorientierung verschaffen ihm Sicherheit. Er hat große Freude an kreativen Unikaten, dafür ist er bekannt. Kunden, die seine Arbeit schätzen, rufen ihn auch in ihre Ferienhäuser. Das führt ihn regelmäßig ins Ausland, um komplexe Schreinerarbeiten und besondere Wünsche zu erfüllen. Die schweren Jahre machen ihn rückblickend nicht verbittert. Er kommentiert sie eher mit Humor und bezeichnet sie als harte, aber wichtige Lehrzeit. Sein dringender Wunsch, dass die Söhne es besser haben, eine noch bessere Ausbildung erhalten und ihren Platz in dieser Gesellschaft finden, hängt eng mit seinen Erfahrungen zusammen. Seine berufstätige Frau unterstützt das im besten Sinne energisch und nachhaltig.

 

Religion, Politik, Vorurteile, Zugehörigkeit

 

Auf die Frage, ob er religiös sei, sagt er wörtlich: »Ich trinke Wein, esse aber kein Schweinefleisch.« Er ist auf keinen Fall Atheist, aber er ist überzeugt, dass die relevanten Religionen im Kern einen Gott haben und es keinen Grund gibt, religiöse Konflikte auszutragen. Er ist gesellschaftlich interessiert und liest ein breites Spektrum von Zeitungen, sieht aber keinen Sinn darin, sich politisch zu engagieren. Seine hohe Arbeitsbelastung lässt ihm ohnehin keine Zeit. Diskussionsfreudig ist er durchaus, dabei erstaunlich abgewogen. Gehässige Kommentare aus bestimmten Spektren der deutschen Politik hält er für eine Verfälschung der Realität. Seine Familie sei nicht hergezogen, um wirtschaftlich unterstützt zu werden. Im Gegenteil: Die ökonomischen Verhältnisse in Afghanistan seien für sie mehr als durchschnittlich auskömmlich gewesen. Die Flucht habe einen anderen Grund gehabt: eine berechtigte Sorge vor Verfolgung, die amtlich anerkannt wurde.

 

Zunächst war der Iran Fluchtstation, dann wurde der Iran-­Irak-­Krieg Anlass, in einem anderen Land Zuflucht zu suchen. Deutschland war nach dem Auszug aus Afghanistan nicht das erste Ziel, und der Iran war nicht als Zwischenetappe geplant.

 

»Du bist deutscher als ich«

 

Wahid Aminzada ist angekommen. Wer mit ihm redet, hat das Gefühl, dass er in Pünktlichkeit, Präzision und Verlässlichkeit stabiler ist als viele Handwerker, die man kennt. Der deutsche Vermieter seiner Werkstatt und Lagerräume sagt sinngemäß: »Du bist viel deutscher als ich.« Im Gespräch macht der Vermieter keinen Hehl daraus, dass Wahid ihm Vorurteile über zugezogene Afghanen genommen hat. Wahid erlebt oft Kunden, die erstaunt sind, wenn er von seiner afghanischen Herkunft spricht. Manche lassen erkennen, dass sie aufgrund öffentlicher Darstellungen skeptisch gegenüber dieser Gruppe seien, ohne sie wirklich zu kennen. Umso erfreuter zeigten sie sich, wenn die gemeinsame Arbeit ihr Urteil ins Positive wendet.

 

Natürlich ärgert Wahid Fehlverhalten von Zugezogenen aus Afghanistan. Er betont aber, dass die Menschen, die er in seiner Community kennt, ganz anders seien: Sie bemühten sich, durch Arbeit, Fleiß und Aufmerksamkeit ihren Platz in der deutschen Gesellschaft zu entwickeln und zu festigen. Er versucht, nicht nur bei seinen Kindern, sondern auch in seinem Umfeld dazu beizutragen, Erfahrungen weiterzugeben, Verständnis zu zeigen, aber auch Forderungen zu stellen. Jeder müsse seinen Teil tun, damit Entwicklung und Aufstieg gelingen. Er sieht Chancen, die zu oft ungenutzt bleiben

 

Respekt gegenüber Älteren

 

Auf die Frage, welcher Kultur er sich verbundener fühlt, zögert er erstaunlich lange. Schließlich sagt er, er sei vom Verhalten her sehr westlich. Im Inneren, im Umgang mit Menschen, sei er sehr von seiner Herkunft geprägt. Gemeint ist für ihn vor allem: Respekt vor Älteren, unabhängig vom sozialen Status. Er hat große Schwierigkeiten, ältere Menschen zu duzen, wie es Jugendliche heute mitunter unverfroren täten. Für ihn sei es selbstverständlich, älteren Damen oder Herren zu helfen, wenn sie schwere Taschen tragen. Bis heute legen er und seine Frau großen Wert darauf, dass die Söhne älteren Menschen denselben Respekt durch Gruß und Verhalten entgegenbringen.

 

Er glaubt, dass die afghanische Erinnerung in ihm ihn sensibler macht im Umgang mit anderen Menschen, besonders mit älteren, behinderten oder hilfsbedürftigen Personen. Eine ignorante Art mancher Zeitgenossen verstört ihn sehr. Wahid Aminzada hofft, nicht nur für junge Afghanen ein positives Beispiel zu geben. Er sieht, dass Deutschland seiner Familie eine Chance gegeben hat, weiß aber auch, dass sich alle anstrengen mussten, um sie zu nutzen. Das hält er für eine Selbstverständlichkeit. Sein Credo: Jeder soll eine Chance haben, er muss sie aber auch nutzen.

 

Im Gespräch überzeugt er nicht durch große Worte, sondern durch gelebte Konsequenz. Sein Lebensweg ist eigene Anstrengung und Eigenverantwortung. Was ihn auszeichnet, ist Verlässlichkeit: im Tun, im Umgang, im Alltag. Er hat Chancen nicht eingefordert. Er hat sie genutzt. In seiner ruhigen, respektvollen Art wird sichtbar, was erfolgreiche Integration bedeutet: mitgehen, ohne sich aufzugeben. Wahid Aminzada ist kein Beispiel aus einem Programm – er ist ein Beispiel aus dem Leben. Gut, dass solche Menschen hier sind.