»Den Türken und den Deutschen gibt es nicht«
Die Geschichte von Yildiray Cengiz – von Wilfried Pastors
Der Vater verließ Anfang 1970 seine Heimat Richtung Deutschland. Der Sohn, Yildiray Cengiz, folgte 1979. Nach Jahren ist das Thema Integration zum Lebensthema des DiplomÖkonomen geworden. Sein Credo: differenziert analysieren – und anpacken!
Wenn Yildiray Cengiz sagt: »Es gibt nicht den Türken und nicht den Deutschen« ist das kein Satz zum Wohlfühlen – sondern eine Diagnose. Der 57jährige Unternehmer, Handelsrichter und ehemaliger Integrationsratsvorsitzende aus Gelsenkirchen argumentiert auf der Grundlage jahrzehntelanger Erfahrung. Er hat alle Seiten des gesellschaftlichen Klimas erlebt: den Druck des Ankommens, die Chancen von Bildung, die sich abzeichnende politische Spaltung von heute – und bleibt dabei ein Optimist. »Ich glaube nicht an eine Einbahnstraße namens Integration«, sagt er. »Ich glaube an Bewegung – auf beiden Seiten.«
Vom Gastarbeiterkind zum Handelsrichter
Cengiz kommt 1979 als Elfjähriger nach Deutschland. »Ich war in der Türkei Klassenbester«, erinnert er sich. »Dann stand ich plötzlich in einer deutschen Hauptschule ohne ein Wort Deutsch.« In der Schule werden türkische Kinder getrennt unterrichtet – es sind die frühen Jahre der Arbeitsmigration.
Er lernt schnell, soll aufs Gymnasium, aber dort aufgrund seiner schulischen Vorgeschichte ohne eine weitere Fremdsprache die Klasse 7 wiederholen. »Ich war in die 8. Klasse versetzt, habe das nicht eingesehen und bin trotz der gegenteiligen Empfehlung des Gymnasiums zurück zur Hauptschule.« Nach Abschluss der 10. Klasse macht er Abitur auf dem Schalker Gymnasium – als einer von zwei türkischstämmigen Schülern in der Oberstufe. »Ich wollte nie aufgeben. Wenn ich hätte warten müssen, dass man mich versteht, wäre ich nie weitergekommen.« Der Wunsch, auf das Schalker Gymnasium zu gehen, ist übrigens der Tatsache geschuldet, dass sein Schulkumpel, der Sohn von Günter Siebert, legendärer Präsident von Schalke 04, sich für dieses Gymnasium entschieden hatte.
Später studiert er Wirtschaft, wird Diplom-Ökonom. Den zweiten Studiengang Rechtswissenschaften beendet er nicht, als seine Tochter Aylin Betül auf die Welt kommt, um für die Familie zu sorgen. Cengiz gründet 2002 eine eigene Firma für interkulturelles Marketing, gründet mit Mitstreitern den Unternehmerverband IntUV RuhrStadt, lehrt als Gastdozent an der Westfälischen Hochschule Gelsenkirchen, sitzt im Regionalausschuss der IHK Nordwestfalen, wird Handelsrichter am Landgericht Essen und engagiert sich in zahlreichen Beiräten und Vereinen. »Ich bin wirtschaftlich erfolgreich, ja – aber wichtiger ist, dass ich nicht nur Türkischstämmigen zeigen kann: Das geht.«
Ehrenamt, Filme, Integration als unkonventionelle Wege
Cengiz denkt gern quer. Nach Sarrazins provokantem Buch »Deutschland schafft sich ab« gründet er mit seinem Marketinginstinkt die Misswahl »Miss Turkuaz Germany – Die schönste Türkin Deutschlands«, Teilnahmebedingungen u.a.: deutscher Pass, Ausbildung, Studium oder berufliche Stellung. »Ich wollte zeigen, dass moderne, gebildete Frauen das Gesicht unserer Community und Gesichter Deutschlands sind«, erklärt er. Später wird aus Miss Turkuaz Germany die Miss Turkuaz Europe. »Wer Integration immer nur mit Problemen verbindet, braucht neue Bilder.« Parallel dreht er Filme, schreibt Drehbücher, porträtiert türkischdeutsche Lebensgeschichten. Seine Filme heißen »Begegnung« oder »Die Wahl« – Geschichten, die zeigen, was passiert, wenn Menschen sich mit Vorurteilen begegnen. Für sein soziales Engagement und seinen Einsatz für das Gemeinwohl ehrt ihn Bundespräsident Joachim Gauck 2014 im Schloss Bellevue. »Wenn Ihnen der Bundespräsident heute dankt, dann dankt Ihnen Deutschland«, sagt Gauck in seiner Dankesrede.
»Integration war nie romantisch«
Wenn Cengiz über seine eigene Ankunftszeit spricht, entlarvt er heutige Mythen: »Wir kamen in ein Land, das uns brauchte, aber nicht kannte. Wir waren Arbeitskräfte, keine Gäste.« Er erinnert an die frühen Probleme der »Gastarbeiter« damals: Keine Dolmetscher, keine aus der Heimat bekannten und geliebten Lebensmittel, keine religiösen Räume. »Viele verstanden nichts, waren unsichtbar – und niemand kümmerte sich. Weder Deutschland noch die Türkei.« Diese Erfahrung der Entwurzelung, sagt Cengiz, habe sich über Generationen weitergetragen – »wie ein stilles Erbe selbst für Kinder, die längst hier aufgewachsen sind«. Doch er warnt, diese Vergangenheit dürfe nicht zum Alibi werden. »Ich verstehe, warum unsere Eltern oder Großeltern fremd waren oder sich so gefühlt haben. Aber ich bin nicht damit einverstanden, wenn heute in Deutschland geborene erfolgreiche Einwanderer sich weiterhin als Fremde wahrnehmen wollen.«
»Die Opferrolle ist bequem – aber gefährlich«
Er wehrt sich gegen jede Form von Opferrolle. »Es ist immer einfacher zu sagen, ›Deutschland will uns nicht‹. Aber ich bin sicher kein Opfer.« Er erzählt, wie er als Schüler Comics las, um Deutsch zu lernen. »Ich verstand das Wort ›Hände hoch‹ erst, als ich es in einer Comicblase sah. So lernt man – Schritt für Schritt. Kreativität ist gefragt, nicht Jammern.« Für ihn ist das größte Problem fehlende Eigeninitiative. »Heute wird viel gefordert, aber wenig gegeben. Wer Chancen haben will, muss loslaufen. Wer nur stehen bleibt, weil es schwer ist, bleibt zurück.«
Differenzieren, bevor man urteilt
Cengiz wird oft gefragt, was in der Integrationspolitik falsch läuft. Seine Antwort: die Pauschalisierung. »Wir sprechen von ›den Türken‹, ›den Deutschen‹, ›den Flüchtlingen‹ – als wären das homogene Gruppen. Das ist Unsinn. Der Türke von 1961 hatte andere Fragen als der Student von heute oder der syrische Geflüchtete von 2015.« Er verweist auf eine Studie über »Lebenswelten türkischstämmiger Migranten«, der türkischen Migranten vor über zwanzig Jahren in fünf Typen unterteilte. Sein Credo: »Ich gehöre zu den Bikulturellen. Ich sitze auf zwei Stühlen, nicht zwischen ihnen. Ich kann aufstehen und wechseln. Das ist Integration.« Diese Haltung, sagt er, fehle in vielen Projekten. »Wir therapieren Integration, statt sie zu leben. Wir verwalten Differenzen, aber wir verändern sie nicht.«
Kritik an der eigenen Community
Cengiz ist in der türkischdeutschen Szene vernetzt – und kritisch. »Viele Türken betrachten neue Einwanderer mit demselben Blick, den sie früher ertragen mussten.« Er erlebt, dass türkischstämmige Mitbürger auf andere Migranten öfter herabsehen, und ermahnt sie, demütiger zu werden. Das größte Integrationshemmnis heute sei nicht Religion oder Sprache, sondern Geschichtsvergessenheit. »Wer seine eigene Einwanderung vergisst, wird arrogant.« Gleichzeitig beobachtet er, wie Teile der Community aus Frust in nationale oder religiöse Identität flüchten. Cengiz’ Appell ist klar: »Ich sage immer: Du kannst in der Türkei geboren sein, türkisch essen, türkisch feiern und fühlen – aber auch akzeptieren, dass du Bürger und Teil Deutschlands bist. Nur wer das Land als eigenes begreift, kann es mitgestalten.« Er sieht Integration als Verantwortung. »Wer eine Vorbildrolle hat, ob als Arzt, Lehrer, Unternehmer, darf nicht destruktiv reden. Worte prägen Kinder.«
Städte, Politik und die Realität des Sozialraums
Yildiray Cengiz lebt seit über 45 Jahren in Gelsenkirchen. Er kennt die Veränderungen – die verlassenen Straßen, die überfüllten Häuser, die KurtSchumacher-Straße. Früher eine Lebensader, heute sind Fenster zugemauert, Vermüllung und Verwahrlosung an der Tagesordnung. Sein Vorschlag: eine Mischung aus Konsequenz und Investition. »Man kann nicht alles romantisieren. Wenn Wohnhäuser überfüllt sind, muss die Stadt eingreifen. Zwangsenteignung, EU-Fördermittel, Sanierung – das ist anstrengend, aber notwendig. Aber ohne Mittel wird Gelsenkirchen das allein nicht schaffen.« Doch seien Finanzen nicht alles. »Was fehlt, sind Vorbilder, Medienpräsenz und die Geschichten derer, die etwas aus ihrem Leben gemacht haben. Stadtentwicklung beginnt im Kopf.«
Politik, Öffentlichkeit und die Angst vor Komplexität
Zur deutschen Politik findet er klare Worte: »Ich kenne viele Politiker, die Integration wirklich wollen. Aber sie trauen sich nicht, differenziert zu reden, weil Differenzierung keine Quote bringt.« Er widerspricht Law-and-Order-Rhetorik und kollektiven Schuldzuweisungen. »Auch unter den Türkischstämmigen gibt es vereinzelt Befürworter der AfD. Dabei erkennen sie nicht die Tragweite der rechten Politik, und dass diese auch sie irgendwann erfassen wird. Und das ist gefährlich.« Differenzierung statt Pauschalisierung kann ein Lösungsansatz sein, sagt er, sicher sei dies mühsam, aber der einzige Weg. »Wenn man als ›alteingesessener‹ Türke in den Geflüchteten heute ein Problem sieht, macht man den gleichen Fehler wie früher die Deutschen bei uns.«
Ein realistischer Optimist
Am Ende bleibt Cengiz ein Mann der Selbstverantwortung. »Ja, jeder kann es schaffen – aber nicht jeder hat dieselben Startbedingungen. Der Wille allein reicht nicht, aber ohne Willen geht gar nichts.« Er fordert, dass Integration als gegenseitiger Prozess verstanden wird: »Nicht die Deutschen müssen uns erziehen, nicht die Migranten sich anbiedern. Beide müssen wollen.« Aufgeben ist für ihn keine Option: »Es ist leicht, sich als Opfer zu fühlen, aber wer Opfer bleiben will, bleibt unsichtbar. Wer sich als Teil dieses Landes begreift, verändert es.«
Yildiray Cengiz, Sohn eines »Gastarbeiters«, ist ein Mann mit vielen Rollen in seiner neuen Heimat Deutschland. Angetrieben von der Verpflichtung, Brücken zu bauen, wo andere Mauern sehen. »Deutschland braucht keine neuen Schlagworte, sondern neue Geduld. Integration ist kein Zustand, sie ist ein Prozess. Und er endet nie.«
