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Vom Versuch, das Ruhrgebiet zu lieben

Wolfram Eilenberger liefert in seinem neuen Buch Denkanstöße zur Zukunft des Reviers – mit Ansage

Philosophen mühen sich bekanntlich um jedes einzelne Wort, ordnen sorgfältig ein und beschreiben präzise. Was leiten wir also ab, wenn ein Bestsellerautor aus diesem Wissenschaftsbereich wie Wolfram Eilenberger sein jüngstes Werk nur als „Versuch einer Liebeserklärung“ überschreibt? Es geht um das Ruhrgebiet, in dessen Mitte er ein Jahr lang als „Stadtschreiber Ruhr“ gelebt hat. Wer sich an seine Einlassungen in dieser Zeit erinnert, weiß um die kritische Distanz zur vorübergehenden Wahlheimat. Nie zu den Menschen, aber zu den Verantwortlichen aus Politik und Gesellschaft, die viel zu oft auf Erfolge im Strukturwandel verwiesen. Die nostalgisch im Gestern der Kumpel-Legenden verharrten, statt Zukunftsperspektiven aufzuzeigen. Darum will sich Eilenberger in seinem neuen Buch bemühen, dabei stets die Widersprüchlichkeiten der Region im Blick.

„Im Deutschland des Jahres 2020 gibt es keine Region mit höherer Hochschul- und auch Spitzenmuseumsdichte als das Ruhrgebiet. Kein Gebiet, das innerhalb eines Radius von 100 Kilometern ein vielfältigeres Kultur-, Ausflugs- und Naturangebot bieten würde. Keine Metropole, die über mehr Spitzensportstätten, Bundesligavereine, Olympiastützpunkte und Forschungseinrichtungen verfügte! Anderseits bilden die Kernstädte der »Metropole Ruhr« – also Bochum und Dortmund Oberhausen und Essen, Mühlheim, Herne und Bottrop – in den Lebensqualitätsrankings der Republik seit Jahrzehnten eine Phalanx der Abgeschlagenen, mit Gelsenkirchen als verlässlichem Träger der roten Laterne.“
Die Fragen des Ruhrgebiets sind somit als unser aller Fragen, ja als die planetarischen Zukunftsfragen schlechthin zu erkennen. Vor diesem Hintergrund kann das Ruhrgebiet als Schlüsselregion für die Zukunftsfähigkeit unserer Lebensform auf diesem Planeten betrachtet werden.

Entwurzlung durch Ende des Bergbaus

Auf knapp 140 Seiten „versucht“ Eilenberger seine Standortbestimmung auf Grundlage persönlicher Streifzüge durch die Region (wobei er die Exkursionen sogar bis Düsseldorf ausweitet) im Spiegel philosophischer Analyse zu betrachten, in deren Mittelpunkt Simone Weils Werk »Die Verwurzelung« aus dem Jahr 1943 steht.

Nach einem Rundflug über die Sentimentalitäten der Gegenwartsliteratur aus dem Pott, kommt der Bestsellerautor („Zeit der Zauberer“) zu den eher unangenehmen Wahrheiten zurück, die der Hobbykicker und Fußballkolumnist treffend auch zwischen Nordkurve und Südtribüne diagnostiziert: „Von der Mythospflege zur Lebenslüge ist es auch im Ruhrgebiet nur ein Schritt. Gerade in seinen Traditionsvereinen.“
Gemeinsam gedacht und vernetzt, zählten die Hochschulen der Metropole Ruhr, von Duisburg über Essen bis nach Bochum und Dortmund, weltweit zur absoluten Spitze. Ein Studienpass Ruhr, der es jedem Studierenden erlaubte, jeden in der Region angebotenen Kurs von jeder Hochschule aus an jeder Hochschule des Reviers zu belegen und anzurechnen, existiert indes bis heute nicht.

WAT SOLL DAT DENN WERDN, WENNS FETTICH IS?

Unter dieser mundartlichen Überschrift blickt Eilenberger nach vorne und entwickelt das versprochene Zukunfts-Narrativ für die Region. Deren gewaltige Chance liege im Erfahrungsvorsprung beim Wandel weg von fossilen Brennstoffen und umweltschädlicher Schwerindustrie – ein Transfer, der weiten Teilen der industrialisierten Welt noch bevorstehe. Unter dem großen Druck des Klimawandels.

Er plädiert dafür, sich erneut um die Olympischen Spiele mit der Region zu bewerben:

„Zumal gerade dieses Revier aus dem Schatze seiner mehr als hundertfünfzigjährigen Trauma-Geschichte der gleichalten olympischen Bewegung wertvoll eigene Akzente hinzuzufügen wüsste.“

Und spätestens bei der nachfolgenden Textpassage offenbart sich dem letzten Leser die Ambivalenz des Buchtitels: „Ich bin wahnsinnig gerne hier, fast ein bisschen verliebt. Deswegen tut es ja auch besonders weh zu sehen, wie sehr sich diese Region mit ihrem tief verinnerlichten, allzu binnensolidarischen und durchaus protodepressiv getränkten Nostalgiekitsch selbst im Wege steht. Und irgendwie kein rechtes Gefühl für den offenbaren Abgrund entwickeln will, der das, was sie heute bereits ist und vor allem sein könnte, von dem trennt, wofür sie sich noch immer meint halten zu müssen.“
Wolfram Eilenberger zitiert zum Auftakt seines Buches Simone Weil: „Denn nie wird eine Handlung ausgeführt, wenn die Beweggründe fehlen, die imstande sind, die unerlässliche Energie dafür zu liefern.“

Die versuchte Liebeserklärung erscheint am 21.08.2021 im Tropen-Verlag

ISBN 978-3-608-50507-8

E-Book: ISBN 978-3-608-11707-2

Buchvorstellung

„Zwischen Mythos und Lebenslüge – Denkanstöße zur Zukunft des Ruhrgebiets“

Am 26.08.2021 stellt die Brost-Stiftung das Buch im Rahmen einer Präsenzveranstaltung im Sanaa-Gebäude auf Zeche Zollverein vor.

Weitere Infos finden Sie hier

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