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„Reudig, aber edel“

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Habt ihr den Fußball oder auch die Demokratie gefeiert?, steht an einer Lärmschutzwand auf der Strecke der U18 von Mülheim Essen. Ich bin sie in den acht Monaten im Ruhrgebiet oft entlanggefahren, obwohl es mit der S-Bahn schneller geht. Aber ich habe es immer gemocht, wie sich von Station zu Station die Stadt verändert. Die Menschen, die einsteigen. Die Graffiti an den Lärmschutzwänden. Wie die eine Stadt in die andere übergeht und man es kaum merkt. Wie das Essener Südviertel von einer Industriestraße in Holsterhausen abgelöst, der Hirschlandplatz mit dem nahen Grillotheater ausgewechselt wird vom Rhein-Ruhr-Zentrum und der Unterschied enorm ist.

„Reudig, aber edel“, so beschreibt ein Freund das Ruhrgebiet, dieses proletarisch geprägte Gebiet, das mittlerweile gern mal romantisiert wird. Hier standen Zechen und Stahlwerke und Menschen malochten. Einige starben viel zu früh, weil die Arbeitsbedingungen mehr Lebensjahre nicht zu schützen verstanden, und doch hält man fest an dieser Identität als Bergbauregion, als Kumpelgesellschaft.

Der Bergbau hatte etwas Einendes, erklärt es mir ein anderer Freund. Es gab Hermann, dessen Familie seit Generationen deutsch ist, Adam aus Polen und Deniz aus der Türkei. Man ist sich begegnet, war Kumpels. Das ist heute nicht mehr so. Viele von denen erzählen mir, sie hätten den Kontakt zu den anderen völlig verloren, sie begegneten sich einfach nicht mehr. Ich habe auch Sorge, wohin das führt, wenn dieser Gemeinschaftsgedanke, der mal da war, mehr und mehr verschwindet und man parallel aneinander vorbeilebt.

Deshalb wünsche ich mir fürs Ruhrgebiet, dass man so ein kollektives Bewusstsein fürs Ruhrgebiet wieder neu erfindet, fährt er fort. Denn das fehlt mit dem Wegfall des Bergbaus wirklich massiv. Da tun wir uns im Moment sehr schwer, wieder Räume und Begegnungen, eine gemeinsame Identität zu finden. Was hätte Potential, eine solche gemeinsame Identität zu stiften?

Vielleicht die Geschichte vom Melting Pot, denn das Ruhrgebiet ist wie kaum eine andere Region durch Migration zu verstehen. Das hat auch mit der Zeitlichkeit der hiesigen Städte zu tun: ihre Geschichte ist flachwurzelig, erst durch die Industrialisierung wuchsen sie aus kleinen Orten oder gar dem totalen Brachland heraus. Menschen zogen massenhaft zu, anders hätten die Fabriken gar nicht in solcher Geschwindigkeit wachsen können. Menschen ziehen noch immer hierher. Migration läuft hier seit Generationen mit.

Als ich noch in Bremen wohnte, erzählt eine Bekannte, die seit Jahren im Ruhrgebiet lebt, dachte ich, wir wären so offen, so multikulti. Aber gar nichts waren wir. Wir waren alle ziemlich weiß und hatten ein, zwei Vorzeigemigrantenfreunde. Hier im Ruhrgebiet leben die Menschen mit unterschiedlicher Herkunft seit Generationen zusammen und leisten Großartiges gerade was Integration angeht. Sie kommen her in diese armen Kommunen, die aber viel bereitstellen für diese Menschen. Und das ist etwas, was viel zu wenig anerkannt wird, was hier im Ruhrgebiet geleistet wurde und immer noch geleistet wird.

Mehr Anerkennung für diese Region, in der vieles trotz großer Belastung von den Menschen gestemmt wird, mehr Verständnis für die Nöte, die hier, trotz der positiven Erzählungen, eben doch bedrückend sein können, ob es Armut, Kriminalität oder Arbeitslosigkeit ist. Schließlich soll die Region ja auch die Demokratie feiern und nicht nur den Fussball, und das gelingt wohl umso besser, je mehr man hier spürt, dass es Rückendeckung gibt, wenn etwas in den Kommunen eben doch nicht mehr allein zu stemmen ist.

Acht Monate Ruhrgebiet – das waren für mich zahlreiche neue Erlebnisse, Geschichten und Bekanntschaften und der kleine heimliche Triumph, dem Fussball nur im Regionalexpress von Essen über Wattenscheid nach Dortmund nahe gekommen zu sein.

Meiner Nachfolgerin Eva von Redecker wünsche ich großartige Gespräche und neue Denkanstöße, mindestens eine Fahrt mit der Tramlinie 901 von Endstation zu Endstation, einen Blick in Gerhard Richters Wolken im Folkwangmuseum und ein Stück Kuchen am Baldeneysee.


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