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Polizeichefin Britta Zur im BrostCast: „In jeder Uniform steckt ein Mensch“

Behördenleiterin kämpft gegen Übergriffe und für Respekt

02. März 2022

Wie reagiert eine Polizeipräsidentin, wenn sie einen Streifenwagen im Rückspiegel wahrnimmt? Wie die meisten von uns – sie wird nervös! „Ich erschrecke mich jedes Mal“, gesteht Britta Zur. „Ich schaue reflexartig auf den Tacho, ob ich nicht zu schnell fahre. Suche kurz mit den Augen den Innenraum des Autos ab, ob das Handy nicht an ist oder sonstige Gegenstände rumliegen.“ Die Polizeichefin von Gelsenkirchen, jüngste Frau auf dieser Position deutschlandweit, erklärt im BrostCast ihre Reaktion: „Ich hatte schon immer großen Respekt vor der Polizei. Sie steht für Recht und Ordnung. Und wie die meisten von uns überprüfe ich gleich mein Verhalten im Straßenverkehr, wenn ein Streifenwagen auftaucht. Nicht aus Furcht, sondern mit einem positiven Gefühl von Respekt.“

Übrigens ist die frühere Staatsanwältin auch in anderer Hinsicht eine von uns – zumindest was ihren Fahrstil betrifft. Auf die Frage von Moderator Hajo Schumacher gesteht sie ehrlich: „Mein letztes Strafmandat ist noch nicht so lange her. Es war für zu schnelles Fahren…“

In einem sehr offenen, überraschend ehrlichen und gelegentlich leidenschaftlichen Gespräch erzählt die gebürtige Kölnerin, wie sie ins Ruhrgebiet kam, wo die großen Herausforderungen in ihrem Job liegen und wie sie mit der Personalverantwortung für 1.700 Menschen umgeht. Aktuell werden übrigens fünf der 18 Polizeipräsidien in NRW von Frauen geleitet. Zum Vergleich: in Bayern 2020 kein einziges. Jünger als Britta Zur (damals 39) hat nur Gertrud Bergkemper-Marks 1988 mit 36 Jahren ihr Amt als Polizeipräsidentin von Leverkusen angetreten.

„Ich wollte meine Seele nie gegen Kohle verkaufen“

Die Geschichte ihrer Berufung ist vielfach erzählt und aufgeschrieben, im BrostCast verrät Zur noch ein paar Details zu jenem Anruf auf dem Weihnachtsmarkt, mit dem Innenminister Herbert Reul (CDU) ihr das Angebot zur Übernahme des „PP Gelsenkirchen“ machte. „Ich hatte an diesem Freitagabend schon den einen oder anderen Glühwein angeschaut. War auch kurz geneigt, dem Minister zu antworten: „Ja, ja und hier spricht Angela Merkel…“. Aber dann habe ich zum Glück doch die Stimme erkannt, wir hatten uns kurze Zeit vorher auf einer Podiumsdiskussion kennengelernt. Am Dienstag drauf habe ich zugesagt!“

Die Erläuterung ihrer Motivation gerät zu einem leidenschaftlichen Plädoyer: „Ich glaube an das, was ich tue! Jeden Morgen möchte ich mit einem guten Gefühl in den Spiegel schauen. Ich hatte nie den Anspruch, meine Seele gegen möglichst viel Kohle zu verkaufen. Wir haben tolle Gesetze, wenn sie konsequent angewendet werden. Unsere Gesellschaft braucht Leute wie mich, die ohne pekuniäre Interessen ihre Pflicht tun.“

Die Tochter eines Oberstaatsanwaltes hätte es leichter im Leben haben können, die juristische Karriere in der Privatwirtschaft habe sie aber nie gereizt. „Schon in der Abizeitung hatte ich als Wunschberuf ,Staatsanwältin für Kapitalverbrechen‘ angegeben. Ich habe in all den Jahren in Abgründe geblickt, war vielfach mit dem Tod konfrontiert. Mord, Vergewaltigung, Missbrauch – ich habe alles gesehen. Und diese Erf ahrungen machen etwas mit einem Menschen. Ich möchte meinen Teil dazu beitragen, dass unsere Gesellschaft funktioniert.“ Bei ihrer Amtseinführung spielte das Polizeiorchester den Song „Supergirl“, den hatte sich die Neue gewünscht.

„Tatort“ aus Münster mag sie nicht

Ihre Alltagsherausforderungen bewegen sich zwischen Clan-Kriminalität und der Sicherung von Schalke-Heimspielen, zentrales Anliegen von Britta Zur ist die Verhinderung von Gewaltübergriffen gegen Polizei und andere Einsatzkräfte. Sie wirbt für Respekt: „Ich möchte den Bürgern vermitteln, dass Ihnen in der Uniform ein Mensch gegenübersteht. Deshalb suche ich die Öffentlichkeit, wo immer es geht. Ich möchte der Polizei Gelsenkirchen ein Gesicht geben. Zu jemandem, den man kennt, hat man eher Vertrauen.“

Vor Diskussionen um Rassismus unter Polizeibeamten verschließe sie nicht die Augen, aber ihre Kolleg*innen riskierten für die Sicherheit der Mitbürger auch „jeden Tag ihren Arsch“. Noch vor wenigen Wochen stand die Polizeichefin mit der gesamten Belegschaft vor dem Präsidium in Gelsenkirchen, um den beiden bei Kusel ermordeten Kollegen zu gedenken.

Im kurzweiligen BrostCast verrät Zur unter dem Motto „Reden übers Revier“ Moderator Hajo Schumacher, wann die Corona-Pandemie ihr am meisten Angst machte. Warum sie den TV-Tatort aus Münster nicht mag und warum es stressig ist, mit ihr gemeinsam einen Fernsehkrimi zu verfolgen…

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