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Hatice Akyün im BrostCast: Mein weiter Weg zurück ins Ruhrgebiet

Autorin erzählt vom Aufwachsen in einer Gastarbeiterfamilie und Menschen, die sie prägten

02. Februar 2022

Eine Kindheit zwischen Kohleofen und Golden Gate Bridge – Hatice Akyün (52) beschreibt im BrostCast sehr berührend, wie sie im Alter von zwei Jahren mit ihren Eltern aus Anatolien nach Duisburg kam. „Mein Ruhrgebiet roch nach Kohleofen, der stand mitten in der Wohnung“, erzählt sie Moderator Hajo Schumacher. „Mein Vater hat darauf für uns Kinder das Pausenbrot für die Schule geröstet.“ Der Blick der Schriftstellerin ging aber bei aller Zuneigung zur Region und ihren Menschen schon früh über die Grenzen der neuen Heimat hinaus. „In meinem Zimmer hing ein Foto der Golden Gate Bridge. Ich hatte immer Sehnsucht nach der großen weiten Welt.“

Inzwischen hat sie sich diesen in weiten Teilen erfüllt, in New York und Istanbul gelebt und seit 12 Jahren ist sie in Berlin zu Hause. „Aber meinen Lebensabend will ich in Duisburg verbringen“, sagt die vielfach ausgezeichnete Autorin. „Wenn ich mir und anderen nichts mehr beweisen muss, möchte ich in Ruhe auf dem Balkon in Duisburg sitzen.“

Akyün blickt auf ein erfolgreiches Berufsleben als Journalistin und Autorin zurück, ihr Buch „Einmal Hans mit scharfer Sauce“ wurde bereits verfilmt. Darüber hinaus erhielt sie 2021 mit dem Theodor-Wolff-Preis eine der renommiertesten Auszeichnungen für Journalisten, sie nennt ihn stolz „den deutschen Pulitzer-Preis“.

Im Gespräch mit Schumacher beschreibt sie den schwierigen Weg der Tochter eines anatolischen Gastarbeiters raus aus dem Zechenhaus in Duisburg-Marxloh in die erste eigene Wohnung und die damit verbundene Eigenständigkeit. Bei den Eltern habe es den festen Vorsatz gegeben, bald wieder in die Heimat zurückzukehren. Akyün: „Deshalb verbot meine Mutter uns, zuhause Deutsch zu sprechen. Sie sagte immer: ,Ich schneide euch die Zunge raus.‘ Sie wollte verhindern, dass sie ein paar Jahre später mit uns Blagen im anatolischen Dorf sitzt und wir die Oma oder Nachbarn nicht verstehen können.“ Sie beschreibt den Familienalltag als „ein Leben auf gepackten Koffern.“

Die Faszination des Minirocks

Menschen wie der frühere Duisburger OB Jupp Krings haben Akyün ebenso geprägt wie Klassenlehrerin Frau Kruse. „Die trug einen Minirock, hatte kurze Haare und fuhr ihren eigenen VW-Polo. Das war ein völlig anderes Frauenbild, als ich es daheim erlebte.“

Das Gespräch mit Schumacher dreht sich um das Leben als Migrantin in zwei Kulturen, Auseinandersetzungen mit dem Vater, aber auch um erlebte Solidarität in der Zechensiedlung. Und die aktuellen Probleme des Ruhrgebiets in Zeiten industriellen Niedergangs. „Der Arbeitsplatz gab früher die soziale Sicherheit und Perspektive. Unsere Eltern wollten, dass es uns einmal besser geht. Die zweite Generation hat sich mit dem Aufstiegsversprechen deutlich besser integriert als die nachfolgende dritte und vierte. Heute sind darunter viele Sozialfälle, die Menschen ziehen sich immer mehr in ihre Community zurück und viele entdecken auf einmal die Religion als Halt.“

Akyün glaubt dennoch fest an die Zukunft des Ruhrgebietes: „Es waren immer die Menschen, die diese Region ausgemacht haben. Das sich aufeinander verlassen können ist in deren DNA verankert.“ Und wenn sie zurückkehrt, soll „ihr“ Platz im Ruhrgebiet nach Wald statt nach Kohleofen riechen. „Duisburg hat besonders schöne Wälder. Ich mag den Geruch von Bäumen und Gras, gehe am liebsten im Regen durch den Matsch spazieren.“

Bisher sind als Brost-Cast-Folgen erschienen: Bestseller-Autor Wolfram Eilenberger, Ruhrbischof Franz-Josef Overbeck, Verlegerin Julia Becker sowie Comedian Micky Beisenherz. Die nächste Folge mit Dr. Felix Müller von Evonik Operations GmbH erscheint am 16.02.2022.

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