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Gute Freunde in schlechten Zeiten

Mit dem Projekt „Lernen im Haus Eintracht“ fördert die Brost-Stiftung das Engagement der Amigonianer. Starthilfe in ein besseres Leben

Der Name ist nicht leicht zu merken, die Kinder und Jugendlichen des „Haus Eintracht“ werden ihn dennoch lebenslang im Herzen tragen. „Amigonianer - unser Name ist ein Zungenbrecher“, so stellt sich der Orden selber vor. Er geht auf Luis Amigó zurück, der als junger Kapuzinerbruder 1889 den Orden gründete. Sein Nachname ist, frei übersetzt, Programm: Er war ein Freund. Ein Freund der Jugend. Für viele Menschen in Gelsenkirchen-Schalke sind die Amigonianer die einzigen verlässlichen Freunde…

Seit 2012 finden in der umgestalteten Ex-Kneipe „Haus Eintracht“ junge Menschen Zuwendung, denen „der Lebensweg nicht leicht von der Hand geht“. Etwa 200 Jugendliche, überwiegend mit arabischem oder osteuropäischem Migrationshintergrund, zählt die spendenfinanzierte Einrichtung zu den Stammkunden, rund 70 von ihnen sind täglich vor Ort. Sie freuen sich auf das gemeinsame Mittagessen, werden bei den Hausaufgaben unterstützt und können die vielfältigen Freizeitangebote nutzen. 7 Mitarbeiter im Team von Pater Ralf Winterberg kümmern sich vor allem jetzt in schwierigen Corona-Zeiten um die Kinder – und deren Familien.

„Die Quartiersarbeit gehört zu unseren Schwerpunkten“, so Winterberg. „Wir leisten Integrations- und Friedensarbeit im Stadtteil. Die Bewohner dürfen sich nicht abgehängt fühlen, sollen lernen, sich gegenseitig zu vertrauen. Damit wollen wir auch verhindern, dass sie extremen Parteien in die Hände fallen.“

Aktuell gilt es aber erstmal zu verhindern, dass die Kinder angesichts fehlenden regelmäßigen Schulunterrichts schon frühzeitig ihre Lebensperspektiven verlieren. Die Brost-Stiftung fördert eine Corona-gerechte Hausaufgabenbetreuung sowie Bildungsförderung für Grundschüler und Schüler der Klassen 5 - 7. In Kleingruppen, gut belüfteten Räumen, mit Hygienekonzept, dreimal wöchentlich in 1:1-Betreuung. „Den Kindern fehlt bei geschlossenen Schulen der regelmäßige Tagesablauf, sie haben zu Hause oft kein Sprachvorbild in Deutsch. Lerninhalte können aufgrund des eigenen Bildungsstandes, Arbeit und weiterer Verpflichtungen nicht aufgearbeitet und vertieft werden“, beschreibt Luisa Magritz, die Bildungsverantwortliche, die Nachteile „ihrer“ Kinder.
Wir sind eng mit den Schulen im Quartier vernetzt, unterhalten Schülertreffs, wo die Kinder üben und sich verpflegen können. Und schlichten auch schon mal Streit auf dem Schulhof

Pater Ralf Winterberg (Vorstand)

Eine halbjährlich aktualisierte, mehrseitige Bildungsdokumentation hält die vorhandenen Defizite und Ressourcen fest. Mit einem individuellen Hilfeplan werden positive Entwicklungen erkämpft und Erfolgserlebnisse vermittelt.

Magritz: „Neu in Deutschland angekommene Kinder sitzen mit anderen in einer Klasse, haben aber oft einen ganz anderen Lernstand. Sie einfach weiter zu versetzen, birgt die große Gefahr eines Scheiterns.“ Deshalb macht sie Eltern mit dem Bildungssystem vertraut, motiviert Klassenlehrer und weist auf Möglichkeiten wie einen Förderschulantrag hin, wo die Kinder angemessener lernen können.

Die Amigonianer legen großen Wert auf das Wohl der Kinder und das von allen Beteiligten die Integrität der Kinder gewahrt wird. Im Rahmen der landesweiten Aktion „Kein Kind alleine lassen“ wurden Flyer mit Nothilfe Telefonnummern verteilt.
Wir verstehen uns als Partner der Schulen, haken auch schon einmal kritisch nach, wie denn die zum Homeschooling verteilten Arbeitsblätter ausgewertet wurden.

Luisa Magritz (Projektleiterin)

Das sind die Amigonianer

Der Orden besteht weltweit aus etwa 400 Brüdern. Ungefähr die Hälfte davon sind zum Priester geweiht, wobei Brüder und Patres weitgehend gleichberechtigt sind.

Die Amigonianer sind aufgeteilt in vier Ordensprovinzen, denen jeweils ein Provinzial vorsteht. Oberste Instanz ist der Generalobere, der seinen Sitz in Rom hat. Die Mitbrüder in Deutschland gehören zur spanischen Provinz, zu der außerdem noch die Brüder an der Elfenbeinküste und in Benin zählen.

In Deutschland gibt es zwei Niederlassungen: in Gelsenkirchen und Gladbeck. In Gelsenkirchen liegt der Schwerpunkt auf stadtteilorientierter Kinder-, Jugend- und Familienarbeit.
Im Problemstadtteil Schalke sind die Auswirkungen des pandemie-bedingten Lockdowns weit über Schule hinaus spürbar. Die Frustrationsgrenzen nehmen ab, Menschen verlieren ihre Jobs, staatliche Förderung verzögert sich. Hier bietet das „Haus Eintracht“ Beratung telefonisch wie online an, kontaktscheue Familien werden unter Einhaltung der Hygienevorschriften an der Haustür besucht, Streetworker helfen beim Umgang mit Krisensituationen. Sozialer Fronteinsatz, dort, wo der Staat nicht mehr hinreicht. Dazu gehören virtuelle Sportangebote ebenso wie die regelmäßig vorgelesene Gute-Nacht-Geschichte auf Deutsch oder Türkisch.

Winterberg: „Wir finanzieren uns bisher privat. Die Stadtgesellschaft schätzt unser Engagement, es geht in Gesprächen aber aktuell darum, auch städtische Fördermittel zu mobilisieren. Würde uns zum Beispiel die Brost-Stiftung nicht unterstützen, könnten wir dort, wo der Staat ausfällt, die Hilfe nicht mehr leisten.“

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