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„Den Inhalt beim Lesen selbst erzeugen – das ist eine gewaltige Kulturleistung“

Per Leo besucht mit seiner Tochter besondere Orte im Ruhrgebiet

Der amtierende Metropolenschreiber Per Leo beantwortet am „Welttag des Buches“ Fragen zu persönlichen Leseerfahrungen und seiner Beziehung zum Medium Buch.

23. April 2022

Herr Leo, heute ist Welttag des Buches. Als Schriftsteller haben Sie wahrscheinlich eine besondere Beziehung zum Buch, was bedeuten Bücher für Sie? 

Leo: „Bücher sind Texte in Ereignisform. Ein Buch wird geplant, man schließt einen Vertrag ab, es gibt Profis wie Lektoren, die neben dem Autor an der Produktion mitwirken, und wenn es geschrieben ist, wird es beworben, auf Messen präsentiert und auf Lesereisen vorgestellt. Mein Beruf ist um dieses Ereignis herum organisiert. Wenn Sie als Stürmer zehn Spiele hintereinander ordentliche Leistungen abliefern, aber keine Tore schießen, fällt das auf. Genauso beim Schriftsteller. Wenn ich zehn Jahre lang eine Menge gute Artikel oder schlaue Dinge auf Facebook schreibe, aber kein Buch veröffentlicht habe, müsste ich meine Berufsbezeichnung überdenken.“

Haben Sie so etwas wie Lebensbücher und wenn ja: welche sind das und warum?

Leo: „Nein, Lebensbücher habe ich nicht. Aber ich habe unvergessliche Leseerinnerungen. Die meisten davon liegen in meiner Jugend, und fast immer betreffen sie die Bücher der großen Toten. Die Buddenbrooks im Cordsessel am Fenster, es ist Februar, draußen piept eine einzelne Meise. Die Brüder Karamasow auf einer Espe in Alaska, hoch oben in den Ästen, wo es im März schon warm ist. Als ich vor ein paar Jahren nach Alaska zurückkehrte, wollte ich diesen Leseort wiedersehen. Aber es gab ihn nicht mehr. Der Baum war in zwanzig Jahren so gewachsen, dass es nur noch ein Baum war.“

Sie sind jetzt bereits ein paar Wochen bei uns im Ruhrgebiet: zu welcher Art von Geschichten fühlen Sie sich durch die Region inspiriert?  

Leo: „Zu Geschichten, die nicht um ein Zentrum herum geschrieben sind. Neulich stand ich mit Olivier Kruschinski auf der Halde Rheinelbe, am südlichen Rand von Gelsenkirchen. Kruschinski zeigte nach Norden, wo der Turm des Rathaus Buer am nördlichen Stadtrand zu sehen war. Wenn man von Sacre Coeur über Paris schaut, sieht das anders aus. Hier maximale urbane Verdichtung, mit Königsbauten in der Mitte, dort Felder, Bäume und ein merkwürdiges Stadion, das zwar im geographischen Zentrum steht, aber nicht wie ein König, sondern eher wie ein Ufo (immerhin in königsblau).“

Warum sollte ein Mensch zum Buch greifen, wo es doch zahlreiche Streaming-Dienste, TV und andere Medien gibt?    

Leo: „Ein Buch ist ein Buch, weil es ein Buch ist. Was für Texte gilt, gilt auch für Medien. So wie jede Gattung ihre eigenen Möglichkeiten hat, so kann auch das Buch etwas leisten, was Film oder Fernsehen nicht leisten können, nämlich die Fokussierung auf eine Welt, die erst im Vollzug einer länger andauernden Lektüre entsteht. Das kann eine Gedankenwelt sein, die eine Leserin mitdenken, oder eine imaginierte Welt, die ein Leser sich vorstellen muss – immer gibt es den Inhalt nur, weil man ihn selbst beim Lesen erzeugt. Das ist eine gewaltige Kulturleistung. Jeder hört Musik, und auch das kann man natürlich mit mehr oder weniger geübten Ohren tun. Aber wer nicht lesen kann, sieht buchstäblich nur Buchstaben. Im Übrigen sind auch die Talente der Produzenten meist spezifisch. Harald Schmidt war ein Genie des Fernsehens, er gibt brillante Interviews, aber seine Texte sind kaum der Rede wert.“

Wo und wann lesen Sie am liebsten?

Leo: „Meistens vormittags, am liebsten am Sonntag, wenn es keine Tagespflichten gibt. Und immer an festen Orten. In Berlin kann das ein Café oder der Stuhl am Fenster sein. Im Haus des Metropolenschreibers ist das gegenwärtig, wenig überraschend, die Bibliothek. Aber eine Bibliothek ist noch kein Ort. Es dauerte eine Weile, bis ich einen Sessel, zwei Tischchen, einen Teppich, eine große und eine kleine Lampe so platziert und einen Schreibtisch so aus dem Weg geräumt hatte, dass ein Leseort entstanden war. 

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