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Definition Ruhrgebiet: was Folklore, Eindrücke und Unschärfen verraten

Buchvorstellung von „Das Ruhrgebiet. Versuch einer Liebeserklärung“ mit Podiumsdiskussion zur Zukunft des Ruhrgebiets mit dem Philosophen Dr. Wolfram Eilenberger

„Ein Sarkast spottete: Wenn ein Dummkopf eine Reise macht, kommt er als weit gereister Dummkopf zurück. Daraus schließe ich: Ein kluger Kopf, der eine Reise macht, kommt noch klüger zurück.“ Mit diesen Worten kündigt Prof. Bodo Hombach, Vorstandsvorsitzender der Brost-Stiftung, den in Freiburg im Breisgau geborenen und aufgewachsenen Philosophen Dr. Wolfram Eilenberger an. Normalerweise lebt dieser mit seiner Familie in Berlin und Kopenhagen; im Ruhrgebiet war er auf Einladung der Brost-Stiftung ein Jahr lang als „Metropolenschreiber Ruhr“ unterwegs. Seine Eindrücke über die Unschärfen der Region hat Eilenberger in ein großes Essay auf mehr als 130 Seiten gebannt. Im Sanaa-Gebäude auf dem Areal des Welterbes Zeche Zollverein wurde dieses nunmehr vorgestellt und mit einem hochkarätig besetzten Podium vor rund 90 Gästen diskutiert.

Misstrauen ins Gesellschaftsdesign im Look industrieller Vereinheitlichung

„Den Begriff Metropolenschreiber hat Eilenberger selbst erfunden, auch um ihn zu ironisieren. Er misstraut einem Gesellschaftsdesign im Look industrieller Vereinheitlichung“, charakterisiert Hombach die Arbeit des Philosophen. Ein Jahr im Ruhrgebiet, gerade in Zeiten der noch immer vorherrschenden Corona-Pandemie, habe für Eilenberger ein Novum dargestellt – wenngleich eines, das ganz besondere Gefühle hervorgebracht habe. „Ich ahne, nicht die Vermählung, sondern der Flirt ist der Ernstfall. Er spitzt die Sinne zu einer fast schmerzhaften Wachsamkeit, er macht uns schön“, beschreibt Hombach dieses Kennenlernen eines Außenstehenden mit dem Revier, das ihm bislang so fremd war.
Eilenberger habe mit „Das Ruhrgebiet. Der Versuch einer Liebeserklärung“ einen imaginären, aber begehbaren Raum entstehen lassen, voller Eindrücke und Geschichten, „vielleicht der Beginn einer Freundschaft.“ Das Bild vom Revier, das der Philosoph, Autor und Publizist vor dem Feldversuch hatte, habe sehr wenig mit der Realität zu tun gehabt. „Das Ruhrgebiet war der Ort, an dem ich in meiner Jugend auf keinen Fall sein wollte“, gibt der 49-Jährige nonchalant zu. Sein Erkenntnisgewinn nach zwölf Monaten mit „Badewanne und Dackel“ in Mülheim an der Ruhr sei enorm. Als Flaneur, der, so die Moderatorin des Abends, Steffi Neu, Borussia Dortmund als Sekte bezeichnet habe, war der Dackelfreund mit seinem Vierbeiner oft zu Fuß in Wäldern, Städten und auf dem Land unterwegs, um zu entdecken, was diese Region zu bieten habe.

Den eigenen Tod schon einmal überlebt

„Das Ruhrgebiet ist deswegen die interessanteste Region in Europa, weil sie ihren eigenen Tod schon einmal überlebt hat“, nimmt Eilenberger gleichwohl kein Blatt vor dem Mund. Mit vielen Dingen müsse hier Schluss sein, an denen die Menschen zu sehr hängen würden, kritisiert er den Stillstand in den Köpfen. „In gewisser Weise sind hier alle im Moment Bergleute der 60er Jahre.“ Doch diese Rückwärtsgewandtheit täten dem Ruhrgebiet gar nicht gut. Wie sich das Ruhrgebiet heute und morgen definiert, was es überhaupt darstellt und ob es wirklich die immer wieder als eine beschworene Region ist, ja das alles thematisiert Eilenberger in seinem Werk: „Es soll ein Katalysator für die Menschen im Revier sein, über sich neu und anders nachzudenken.“

Die gute alte Bergmannskapelle hat ausgedient

Etwas weniger Nostalgie wagen und auf die Bergmannskapelle zu verzichten, die ohnehin erst nach dem Ende der Blütezeit des Steinkohlebergbaus ihre Liebhaber gefunden habe: damit eckt Eilenberger durchaus an, etwa bei Hendrik Wüst MdL, Minister für Verkehr des Landes NRW und Kuratoriumsmitglied der Brost-Stiftung, der ihm auf dem Podium Parole bietet. Eine derartige Tradition habe mit Werten zu tun, Werte, für die das Ruhrgebiet stehe. Gleichwohl sei in vielen Städten in den Köpfen noch nicht angekommen, dass die Zeit von großen Zechen, Hütten und Industriebetrieben vorbei ist, etwa, wenn es um das Thema Flächenentwicklung geht. Alte oft kolossale Industriebetriebe sind verschwunden; die Flächen liegen brach. Doch statt hier mit der Zeit zu gehen, auf junge und dynamische Betriebe, Logistikdienstleiste oder Startups zu setzen, hofften manche Kommunen, dass der große Wurf, der viele Arbeitsplätze mit sich bringt, wieder kommt. Das sei fatal. „Die Startup-Szene fühlt sich nicht gut behandelt, weil man über Jahrzehnte immer nur in den großen Strukturen gedacht hat“, kritisiert Wüst diese Entwicklung und führt weiter aus: „Ohne Arbeit wird es nicht nach vorne gehen. Doch welche Art von Arbeit das nun genau ist: da sollten wir offener sein.“

Sein eigenes Ressort verschont Verkehrsminister gleichwohl wenig. „Das Ruhrgebiet ist eine Herausforderung“, stellt Wüst fest und beklagt, was schon seine Vorgänger im Amt zu beklagen wussten: „Es ist die einzige Metropole dieser Erde, die keinen gemeinsamen Gedanken der Mobilität entwickelt hat. Wir müssen Jahrzehnte nachholen.“ Ein wenig knüpft der Minister hier an das Eingangsstatement Eilenbergers an: „Das Ruhrgebiet ist deswegen die interessanteste Region in Europa, weil sie ihren eigenen Tod schon einmal überlebt hat.“ Aber „nur“ zu überleben sei nicht alles. Wüst: „Jetzt heißt es: nach vorne blicken!“

Entscheidender Standortvorteil: die enorme Wissensinfrastruktur

Die „grundmenschliche Herzlichkeit“, die Eilenberger hier im Ruhrgebiet erlebt habe und die sich gänzlich von der „ganz gepflegten Unehrlichkeit“ in Berlin unterscheide, verleitet einen weiteren Gast auf dem Podium zum Schmunzeln: Prof. Dr. Michael Hüther, Direktor des Instituts der Deutschen Wirtschaft Köln e.V.. Die Bergmannskapelle möchte er auch nicht missen, berufliche Realität, die zur Folklore geworden ist. „Der Alltag muss auch Raum geben, dass man sich dazu bekennen kann.“ Gleichwohl stellt Hüther, dessen Vater einst von Thüringen in den „Chancenort“ Essen umgesiedelt ist, um als Ingenieur im Kraftwerksbau zu arbeiten, die gleiche Frage wie Eilenberger: „Wie definiert sich das Ruhrgebiet, wie grenzen wir es eigentlich ab?“ Denn das männergeprägte Arbeitsbild von einst ist gewichen, eine Wissensinfrastruktur im Ruhrgebiet entstanden, die heute ganz anders ist als noch vor einigen Jahrzehnten. „60 Universitäten und universitätsnahe Forschungseinrichtungen haben wir hier“, lobt Hüther einen wichtigen Standortvorteil der Region.
Wie sich das Ruhrgebiet am Ende definieren wird – darauf findet weder das Podium noch Philosoph Eilenberger eine Antwort. Die Region, so viel ist klar, ist dem „Metropolenschreiber Ruhr“ in seinem Jahr im Ruhrgebiet, ans Herz gewachsen. Er wird gerne wiederkommen, dann natürlich wieder mit Dackel.

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